Christ fragte: „Was bedeutet dieses?“

Der Ausleger antwortete: „So unterhält Christus ohne Aufhören durch das Öl Seiner Gnade das Werk, welches Er im Herzen angefangen hat, daher die Gläubigen, ungeachtet alles dessen, was der Teufel wider sie vornimmt, oft ein süßes, ihnen selbst unerklärliches Gefühl des Friedens empfinden. Daß du aber den Mann hinter der Mauer stehen sahst, das Feuer zu erhalten, soll dir andeuten, wie eine angefochtene Seele sich zuweilen für verlassen hält, obwohl der himmlische Freund ihr unsichtbar nahe steht[44].“

Dann sah ich, wie der Ausleger ihn wieder bei der Hand nahm und ihn an einen anmutigen Ort brachte, wo ein prachtvoller Palast erbaut war, dessen Anblick Christ große Freude bereitete. Auf dessen Zinne sah er auch Leute in goldenen Gewändern wandeln. Er fragte den Ausleger: „Dürfen wir wohl dort hineingehen?“ Der Ausleger nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm bis vor die Tür des Palastes. Daselbst hatte sich eine große Menge Menschen versammelt, ohne sich jedoch hineinzuwagen, da der Eingang von einer bewaffneten Schar versperrt wurde, die darauf bedacht war, jedem, der hindurchgehen wollte, das Leben zu nehmen. Nahe bei dem Tor saß ein Mann an einem Tisch, mit einem Buch und dem Schreibzeug vor sich, um die Namen derer aufzuschreiben, die sich den Eingang erkämpfen wollten. Das setzte Christ in Erstaunen. Lange wagte sich niemand heran, da jeder aus Furcht vor den Gewappneten zurückbebte, als plötzlich ein rüstiger Mann an den Tisch des Schreibers trat mit den Worten: „Schreibe meinen Namen auf!“ Als das geschehen war, sah Christ, daß der Mann sich einen Helm aufsetzte, sein Schwert zog und sich gerade nach dem Tor wendete. Er stürzte sich auf die gerüsteten Männer zu, die sich mit tödlichem Grimm wider ihn setzten. Allein dem Mann entfiel der Mut durchaus nicht, sondern er schlug und stieß um sich mit wildem Ungestüm. Manche Wunden empfangend und austeilend, kämpfte er sich durch alle hindurch und drang in den Palast vor[45]. Aus dem Innern, sowie von der Zinne des Palastes erscholl mit lieblicher Stimme der Zuruf:

Herein! herein!

Die Kron’ der Ehren wartet dein!

Er ging hinein und wurde alsbald mit goldenen Kleidern geschmückt.

Christ lächelte und sprach: „Ich glaube zu verstehen, was das sagen will; laß mich nun, Herr, von hinnen ziehen!“

„Nein,“ sagte der Ausleger, „warte noch ein wenig, ich habe dir noch etwas zu zeigen, dann magst du deinen Weg fortsetzen.“ Und nun nahm er ihn noch einmal bei der Hand und führte ihn in einen finstern Raum, wo ein Mann in einem eisernen Käfig saß, der die Augen niederschlug, die Hände rang und sich gebärdete, als wollte ihm das Herz brechen. Als Christ nun fragte, was das zu bedeuten habe, gebot ihm der Ausleger, sich selber mit diesem Mann zu unterreden.

„Wer bist du, Unglücklicher?“ rief Christ voll Entsetzen.

„Ich bin, was ich ehemals nicht war,“ sagte der Gefangene.