„Ja,“ antwortete er, „aber ich habe Ihn aufs neue gekreuzigt[46]; ich habe Ihn verachtet, Seine Gerechtigkeit verworfen; ich habe Sein Blut für unrein geachtet und den Geist der Gnade geschmäht[47]. Dadurch habe ich mich selbst von allen Verheißungen der Gnade ausgeschlossen, und es bleibt mir nichts übrig als ein schreckliches Warten des Gerichts und des Feuereifers, der mich als einen Widersacher verzehren wird“ (Hebr. 10, 27).
Christ fragte weiter: „Was hat dich denn verleitet, dich selbst in diesen Zustand zu bringen?“
„Schnöde Lust, irdische Freude und Vorteile dieser Welt, bei deren Genuß ich mir viel Ergötzen versprach. Allein jedes von diesen Dingen nagt nun an meinem Herzen wie ein Wurm, der nicht stirbt, und brennt in mir wie ein Feuer, das ewig nicht erlischt.“
Christ sprach: „Aber kannst du jetzt nicht noch Buße tun und umkehren?“
Er antwortete: „Gott läßt mich keinen Raum mehr finden zur Buße. Sein Wort gibt mir nicht mehr Mut zum Glauben, ja Er selbst hat mich in diesen eisernen Käfig eingeschlossen, und kein Mensch in der ganzen Welt kann mir daraus helfen. O Ewigkeit! Furchtbare Ewigkeit! Wie werde ich ringen, ohne Aufhören ringen mit der Pein der ewigen Verdammnis!“
„Vergiß es nie, was du hier gesehen hast,“ sagte der Ausleger zu Christ mit großem Ernst. „Laß dir das Elend dieses Mannes zur beständigen Warnung dienen!“
„Ja, das ist furchtbar!“ rief Christ aus. „Gott helfe mir wachen und beten und nüchtern sein und gebe mir Kraft, die Sünde zu meiden! Aber, Herr, ist es jetzt nicht hohe Zeit, meine Reise fortzusetzen?“
„Warte noch ein wenig, nur eines sollst du noch sehen, dann magst du deines Weges gehen,“ sprach der Ausleger, indem er Christs Hand ergriff und ihn in die Kammer führte, wo ein Mann aus dem Bett stieg und im Begriff war, unter Zittern und Beben seine Kleider anzulegen.
Da fragte Christ: „Warum zittert dieser Mann so?“
Der Ausleger befahl diesem, den Grund seiner Angst Christ zu entdecken. Hierauf hob der Mann also an: Diese Nacht, als ich schlief, träumte ich, und siehe, der Himmel war schwarz wie die Nacht; es erhob sich ein unerhörtes Donnern und Blitzen, daß ich in große Bestürzung und Todesangst kam. Darauf sah ich, wie der Wind die Wolken pfeilschnell vor sich her trieb. Plötzlich erscholl der Ton einer Posaune vom Himmel herab, und in den Wolken erschien der Herr, umgeben von den Heerscharen des Himmels, die alle, wie auch der Himmel selbst, in flammendem Feuer standen. Eine Stimme rief: „Stehet auf, ihr Toten, und kommt zum Gericht[48]!“ und im Augenblick zerrissen die Felsen, die Gräber taten sich auf, und die Toten, die darin waren, kamen heraus. Einige erschienen in Freude und Wonne und hoben ihre Häupter auf, die andern aber standen in großer Schmach und Schande und suchten sich unter den Bergen zu verstecken. Da öffnete der Herr, der auf der Wolke saß, ein Buch und gebot der Welt, vor Ihm zu erscheinen[49]. Vor Ihm her aber machte ein verzehrendes Feuer Raum, wie zwischen einem Richter und den Verklagten, die vor den Schranken stehen. Dann hörte ich denen, die den Herrn in der Wolke umgaben, verkünden: „Sammelt das Unkraut, die Spreu und die Stoppeln und werfet sie in den brennenden Pfuhl[50]!“ Und sogleich tat sich der bodenlose Abgrund gerade vor meinen Füßen auf, und dicker Rauch und glühende Hitze fuhren mit erschrecklichem Getöse heraus. „Sammelt den Weizen in Meine Scheuern!“ (Luk. 3, 17; Matth. 13, 30) rief der Herr, und alsbald sah ich viele emporgehoben und hingerückt in den Wolken[51]; ich aber blieb dahinten. Ich wollte mich verbergen, aber vergebens, denn der Herr heftete Seine Augen unverwandt auf mich; alle meine Sünden traten vor meine Seele, mein Gewissen richtete und verdammte mein ganzes Leben. Darauf erwachte ich aus meinem Traum.