So begann er denn wirklich, sein Leben zu bessern und nach den Geboten Gottes zu leben, und es tat ihm leid, wenn er es nicht getan. Selbst das Tanzen, von jeher sein Lieblingsvergnügen, vermochte er nach und nach aufzugeben. Auf diese Weise beruhigte er sich und glaubte Gott zu gefallen. Die Veränderung in Bunyans Leben fiel auch den Nachbarn auf. Sie hielten ihn für einen wahrhaft frommen Menschen. Dieses Urteil der Leute schmeichelte ihm, und er war stolz auf seine Frömmigkeit.

Bunyan nähert sich den Frauen, um zuzuhören.

Während Bunyan in diesem selbstzufriedenen und selbstgerechten Sinn dahinlebte, führte ihn eines Tages sein Beruf nach Bedford; da sah er in einer der Straßen dieser Stadt drei oder vier Frauen, welche sich über göttliche Dinge unterhielten. Er, der gern über religiöse Dinge schwatzte, aber wohl auch von einem unbewußten Bedürfnis getrieben, näherte sich diesen Frauen, um zuzuhören. Sie sprachen von dem Werk Gottes in ihren Herzen, von der neuen Geburt und wie sie von ihrem natürlichen Elend überzeugt worden seien. Sie erzählten einander, wie der Herr ihre Seelen heimgesucht, mit welchen Trostesworten und Verheißungen Er sie erfrischt habe. Sie sagten auch, welche Anfechtungen des Teufels sie erfahren und wie sie unter seinen Anläufen erhalten geblieben seien. Sie sprachen von dem noch immer in ihrem Herzen steckenden Kleinglauben und sündlichen Wesen, von dem Hang zur Eigengerechtigkeit, welche sie als unzulänglich und unrein verwarfen. — Dies waren nun freilich für unsern Bunyan unbekannte Dinge. Aber ein Stachel davon blieb in seinem Herzen zurück. Es ward ihm bewußt, daß ihm bei aller seiner vermeintlichen und gutgemeinten Frömmigkeit die Notwendigkeit, von neuem geboren zu werden, nie eingefallen war und daß er weder von dem Troste Gottes noch von der Betrüglichkeit seines eigenen Herzens etwas wußte. Er ging wieder an sein Geschäft. Die Worte jener Frauen gingen ihm so sehr zu Herzen, weil sie ihn nicht nur davon überzeugten, daß ihm die Merkmale eines wahrhaft frommen Menschen fehlten, sondern weil er erkannte, wie glückselig der Zustand desjenigen sein müsse, der diese Merkmale habe. Es ward ihm daher Bedürfnis, seine Schritte wieder dorthin zu lenken, und je mehr er dies tat, desto klarer wurde er sich über seinen wirklichen Seelenzustand. Mit einer wahren Begierde las er nun die Bibel. Besonders waren es die Briefe des Apostels Paulus, die Gegenstand seines eifrigsten Forschens wurden. Das vornehmste Ziel, nach dem er strebte, war das Heil seiner Seele. Darauf war sein Sinn so ernstlich gerichtet, daß weder Vergnügungen noch Vorteile noch Überredungen oder Drohungen ihn wieder davon abzuziehen vermochten.

Gerade in dieser Zeit des Suchens nach Licht und Wahrheit geriet er in eine große Gefahr dadurch, daß er mit den Angehörigen einer Sekte, Ranters genannt, in Berührung kam, welche über alles Gesetz und Gebot hinaus zu sein meinten und die Freiheit des Fleisches predigten. Aber Gott erhielt ihn in Seiner Furcht und ließ ihn solche verführerischen Grundsätze nicht annehmen.

Trotz seines ernstlichen Suchens und Betens gingen noch etwa zwei Jahre darüber hin, bis er endlich zum Frieden kam. Doch es würde zu weit führen, über all die Kämpfe und Versuchungen ausführlich zu berichten, die er zu bestehen hatte. Es stiegen Befürchtungen in bezug auf die Gnadenwahl in ihm auf, oder daß der Tag des Heils für ihn schon vorbei sein könnte. Verkehrte Auffassung gewisser Bibelstellen und gotteslästerliche Eingebung des bösen Feindes quälten und verwirrten ihn so sehr, daß er sich zeitweise wie in einem Zustand der Verzweiflung befand.

Auch jetzt wieder waren es jene edlen Frauen, die sich seiner liebreich annahmen und ihn mit ihrem Seelsorger Johann Gifford, dem Baptistenprediger in Bedford, in Verbindung brachten. Gifford war selbst einen ähnlichen Weg von Sünden und Verirrungen und schmerzlichen Kämpfen geführt worden und hatte endlich den Frieden gefunden. Um so mehr war er der Mann, der Bunyan verstehen und ihm als Ratgeber dienen konnte. Was er nebst Gott diesem treuen Zeugen zu danken hatte, das zeigt er uns in seiner „Pilgerreise“, wo er dem christlichen Wandersmann den „Evangelisten“ als Ratgeber und Leiter beigesellt hat.

Noch ein andres Mittel diente zu seiner Aufrichtung: Bunyan hatte ein Verlangen, die Erfahrung irgendeines gottseligen Mannes der Vergangenheit zu lesen. Nun fügte es Gott, daß ihm nach einiger Zeit ein Buch von Martin Luther in die Hände kam; es war seine „Erklärung des Briefes an die Galater“. Bunyan fand in diesem Buch seine eigene Lage und Erfahrung so ausführlich und gründlich behandelt, als ob dasselbe aus seinem Herzen geschrieben worden wäre. Er fand, daß Luther da sehr ernstlich von den Versuchungen und ihrer Entstehung, von Anfechtungen zur Hoffnungslosigkeit, zur Lästerung usw. handle und zeige, wie sowohl das Gesetz Moses als auch der Teufel, der Tod und die Hölle die Hand dabei im Spiel hätten. Dieses Buch dünkte ihn nächst der Heiligen Schrift das passendste für ein angefochtenes Menschenkind zu sein.

Bei alledem war er von seinen schweren Anfechtungen noch nicht frei, und wenn er auch eine Zeitlang den Frieden Gottes in seinem Herzen empfand, so glich doch dieses bald darauf wieder einem bewegten Meer. Aber zuletzt ging alles vorüber, und die Sonne der Gerechtigkeit ging in seiner Seele auf. Jetzt fielen die Fesseln in Wirklichkeit von seinen Füßen; er war von seiner Trübsal und von seinen Ketten erlöst; seine Versuchungen verloren sich ebenfalls. Nun ging er frohlockend seinen Weg, indem er sich der Gnade und Liebe Gottes erfreute.

Bald darauf schloß er sich der Baptistengemeinde in Bedford an. Das war etwa ums Jahr 1653, als er ungefähr 25 Jahre alt war. Um diese Zeit besserte sich auch Bunyans äußeres Fortkommen; er war nicht mehr in Gefahr, für einen Zigeuner gehalten zu werden, sondern stand bald in großer Achtung bei seinen Mitbürgern. Seinen Wohnsitz hatte er noch in seinem mit Stroh bedeckten Häuschen in Elstow, wo ihm Gott zwei Kinder beschert hatte: Marie, seine blinde Tochter, die er zärtlich liebte, und Elisabeth, die eine im Jahr 1650, die andre im Jahr 1654. In Johann Gifford besaß er einen geistesverwandten und einsichtsvollen Lehrer, und das war gut, denn seine Seelenkämpfe hatten noch nicht ihr volles Ende erreicht. Geistliche und leibliche Anfechtungen stürmten immer wieder auf ihn ein. Indessen behielt die Glaubenszuversicht endlich die Oberhand.