Getreu. An dem Sumpf der Verzagtheit kam ich glücklich vorüber, in welchen du, wie ich merkte, gefallen bist, und erreichte wohlbehalten die Pforte; nur begegnete mir eine Person, namens Wollust, durch die ich in nicht geringe Gefahr geriet.
Christ. Es war gut, daß du ihr entflohst. Auch Joseph wurde hart von ihr bedrängt, und er entfloh ihr wie du[85], aber fast hätte es ihn das Leben gekostet. Was hat sie dir getan?
Getreu. Du kannst dir kaum einen Begriff davon machen, außer du habest es selber erfahren, welch eine schmeichlerische Zunge sie hat. Sie drang sehr in mich, mit ihr zu gehen, und versprach mir alle möglichen Freuden.
Christ. Ja, aber sicherlich nicht die Freude eines guten Gewissens.
Getreu. Du weißt wohl, was ich meine, lauter sinnliche und fleischliche Freuden.
Christ. Gott sei Dank, daß du ihr entgangen bist! „Ihr Mund ist eine tiefe Grube; wem der Herr ungnädig ist, der fällt hinein“ (Spr. 22, 14).
Getreu. Jawohl, aber ich weiß noch nicht, ob ich ihr ganz entronnen bin.
Christ. Wie? Ich denke doch, daß du in ihr Begehren nicht gewilligt hast.
Getreu. Nein, nicht daß ich mich befleckt hätte! Denn ich erinnerte mich eines alten Spruches, den ich einstmals gelesen, welcher also lautet: „Ihre Füße laufen zum Tod hinunter; ihre Gänge führen ins Grab“ (Spr. 5, 5). Darum schloß ich meine Augen, um nicht von ihrem Blick bezaubert zu werden. Darüber spottete sie, und ich ging meines Weges.
Christ. Hast du weiter keine Gefahr bestanden?