Getreu. Am Fuß des Berges der Beschwerde redete mich ein sehr bejahrter Mann an und fragte, wer ich sei und wohin ich wandere. Ich sagte, ich sei ein Pilger und reise nach der himmlischen Stadt. „Du scheinst mir ein ehrlicher Mann zu sein,“ sprach er, „willst du nicht bei mir wohnen? Ich würde dir einen guten Lohn geben.“ Ich fragte ihn nach seinem Namen und seinem Wohnort. „Ich heiße Alter Mensch,“ sagte er, „und wohne in der Stadt Betrug.“ Ich fragte ihn nach seinem Geschäft und nach dem Lohn, den er geben wolle. „Mein Geschäft,“ erwiderte er, „sind allerlei Ergötzungen, der Lohn ist dieser, daß du mich einmal beerben sollst.“ Weiter fragte ich ihn nach seinem Hauswesen und nach seinen Dienstboten. Sein Haus, antwortete er, werde erhalten durch all die Kostbarkeiten der Welt, und seine Dienerschaft bestehe aus seinen eigenen Kindern. „Wie viele Kinder hast du denn?“ fragte ich ihn. „Ich habe nur drei Töchter,“ antwortete er, „sie heißen: Fleischeslust, Augenlust und Hoffärtiges Leben (1. Joh. 2, 16), und wenn du willst, kann ich dir eine von ihnen zur Frau geben.“ Ich fragte ihn endlich: „Wie lange soll ich bei dir wohnen?“ Er erwiderte, solange er selbst lebe.

Christ. Und wie bist du zuletzt von ihm losgekommen?

Getreu. Anfangs war ich ziemlich geneigt, mit ihm zu gehen, denn sein Vorschlag schien mir ganz annehmbar. Indem ich aber so mit ihm redete, sah ich auf seine Stirn, und da stand geschrieben: „Ziehet den alten Menschen mit seinen Werken aus!“ (Kol. 3, 9)

Christ. Und wie geschah dir dann?

Getreu. Wie Feuer drangen mir diese Worte in das Herz, und ich wußte nun: was er auch sagen, wie er auch schmeicheln mochte, er würde mich, wenn ich mit ihm ginge, als Sklaven verkaufen. Deshalb sagte ich ihm, er möge seine Worte nur sparen, denn ich sei nicht willens, auch nur die Schwelle seines Hauses zu betreten. Darauf verhöhnte er mich und drohte, mir jemand nachzuschicken, der mir den Weg sauer machen solle. Da ich mich umwandte, ihn zu verlassen, fiel er mit mörderischer Gewalt über mich her, als wollte er mich gar zerreißen. Wie ich seinen Händen entronnen bin, weiß ich nicht. Ich hatte etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ich sah, daß mir jemand mit Windeseile nachgelaufen kam. Gerade bei der Laube holte er mich ein.

Christ. Ach, das war eben der Ort, wo ich vom Schlaf überfallen ward und das Zeugnis aus meinem Busen verlor.

Getreu. Aber, lieber Bruder, laß mich noch ausreden! Sobald der Mann mich eingeholt hatte, schlug er mich zu Boden, daß ich wie tot dalag. Doch, als ich wieder ein wenig zu mir selber kam, fragte ich ihn, warum er so mit mir umginge. „Fluchwürdiger Sünder,“ so rief er mit Donnerstimme, „immer noch steigen arge Gedanken aus deinem Herzen auf, immer noch liebst du die Lust dieser Welt. Du bist ein Kind des Todes!“ — „Ich elender Mensch!“ rief ich laut in der Angst meines Herzens, „wer wird mich erlösen von dem Leib dieses Todes? (Röm. 7, 24.) O laß Gnade für Recht ergehen!“ — „Ich weiß nichts von Gnade,“ erwiderte er und hätte mich ohne Zweifel umgebracht, wäre nicht jemand gekommen, der ihm gebot, von mir abzulassen.

Christ. Wer war denn das?

Getreu. Ich kannte Ihn anfangs nicht. Aber da Er an mir vorüberging, erblickte ich Wundenmale an Seinen Händen und in Seiner Seite, woraus ich schloß, daß es unser Herr gewesen, und also stieg ich den Hügel hinan.

Christ. Der dich einholte, war Mose, der Mann des Gesetzes. Er schont keines Menschen und weiß nichts von Gnade gegen diejenigen, die das Gesetz übertreten.