Getreu. Ja, der wollte von Religion überhaupt nichts wissen. „Es ist,“ sagte er, „für einen Mann durchaus eine entehrende Sache, sich um das Christentum zu kümmern; ein zartes Gewissen ist etwas Unmännliches; wer über alle seine Worte und Werke wachen und seine edle Freiheit verleugnen wollte, würde sich zum Spott und Gelächter der Welt machen.“ „Von jeher,“ sagte er, „sind nicht viel Mächtige, nicht viel Reiche oder Weise diesen Weg gegangen[86], welcher vernünftige Mensch möchte denn auch alles an eine ungewisse Zukunft setzen[87]! Die Pilgrime sind jederzeit die geringsten, unwissendsten und verachtetsten Leute gewesen.“ In dieser Weise ließ er sich noch über vieles andere gegen mich aus, was ich nicht alles wiederholen mag. Unter anderm sagte er noch: „Schämen sollte man sich, unter einer Predigt zu weinen und dann seufzend und schluchzend nach Hause zu kommen; den Nachbar um eines kleinen Fehlers willen um Verzeihung zu bitten und das wiederzuerstatten, was man ihm entwendet.“ Er sagte auch: „Durch das Christentum wird man der vornehmen Welt und ihren höhern Genüssen — wie er deren Laster nannte — entfremdet, indem man mit geringen Leuten Brüderschaft macht — und das ist doch fürwahr eine Schande.“
Christ. Nun, was antwortetest du hierauf?
Getreu. Anfangs wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Ja, er setzte mir so zu, daß mir das Blut ins Gesicht stieg, und er hätte mich beinahe überwunden. Endlich gedachte ich des Spruches: „Was hoch ist unter den Menschen, das ist ein Greuel vor Gott“ (Luk. 16, 15). Scham aber, so sagte ich mir, redet nur von Menschen und nicht von Gott und Gottes Wort, und am Jüngsten Tag wird das Urteil zum Leben oder zum Tod sich nicht nach den stolzen Geistern der Welt richten, sondern nach der Weisheit und dem Gesetz des Höchsten. Was Gott für gut erklärt, dachte ich, das ist gut und wenn alle Welt dawider wäre. Indem ich nun wohl erkannte, daß Gottesfurcht und ein zartes Gewissen der Herr liebt, daß die, welche in den Augen der Welt für Narren gelten, die Weisesten sind im Reich Gottes, und daß der Arme, der Christus liebt, reicher als der angesehenste Mann ist, der Ihn haßt, so rief ich in der Kraft des Herrn: „Scham, weiche von mir, du Feind meiner Seligkeit! Sollte ich dir nachgeben gegen den Willen des Herrn! Wie dürfte ich Ihm bei Seiner Wiederkunft ins Angesicht schauen[88]? Wollte ich mich jetzt der Wege des Herrn und Seiner Diener schämen, wie könnte ich dann auf den verheißenen Segen hoffen?“ — Aber dieser Scham war in der Tat ein widerwärtiger Geselle; nur mit großer Mühe konnte ich mich von ihm losmachen; immer wieder aufs neue drängte er sich heran, um mir etwas Nachteiliges gegen die Bekenner des Evangeliums ins Ohr zu flüstern, bis ich ihm endlich offen erklärte, daß alle seine Mühe vergeblich sei, denn was ihm so schlecht scheine, darin sehe ich die größte Herrlichkeit. Da ich mich dieses zudringlichen Gefährten entledigt sah, fing ich zu singen an:
Mitten in die Welt voll Streit ist der Christ gestellet,
Feindesmacht von jeder Seit’ sucht, wie sie ihn fället.
Doch es gilt ein Wörtlein hier auch dem schwächsten Kinde,
Schreib es tief ins Herze dir: Überwinde!
Überwinde, wenn die Lust kommt zu deinem Herzen!
O man siegt nicht unbewußt, kämpfen ist nicht scherzen.
Groß ist deiner Feinde Zahl, und sie nahn geschwinde;