Christ. Er ist der Sohn eines gewissen Redselig. Er wohnt in der Schwatzgasse und ist allgemein bekannt unter dem Namen Schwätzer in der Schwatzgasse, und trotz seiner gewandten Zunge ist er doch ein erbärmlicher Mensch.
Getreu. Ei, mir scheint er doch ein sehr angenehmer Mann zu sein.
Christ. So scheint er allen, die ihn nicht kennen. Unter den Leuten gibt er sich gar fromm, aber zu Hause ist er ein gehässiger, widerwärtiger Mensch. Er ist wie die Bilder, die sich von fern hübsch ausnehmen, in der Nähe aber mißfallen.
Getreu. Du scherzest wohl nur, denn du hast vorhin gelächelt.
Christ. Das sei ferne, daß ich bei so etwas scherzen oder gar jemand fälschlich beschuldigen sollte! Ich will dir aber noch mehr von ihm sagen. Dies ist ein Mann für jede Gesellschaft und für jedes Gespräch. So wie er jetzt mit dir redet, so wird er auch reden, wenn er in der Bierstube sitzt, und je mehr es ihm in den Kopf steigt, desto besser fließt seine Rede. Das Christentum hat keinen Raum in seinem Herzen noch in seinem Hause noch in seinem Wandel; alles, was er davon besitzt, liegt ihm auf der Zunge, und seine Frömmigkeit besteht in nichts anderm, als daß er davon schwatzt.
Getreu. Wenn dem so ist, dann habe ich mich in diesem Mann sehr getäuscht.
Christ. Gewiß. Erinnere dich nur der Sprüche: „Sie sagen’s wohl und tun’s nicht“ (Matth. 23, 3) und: „Das Reich Gottes steht nicht in Worten, sondern in Kraft“ (1. Kor. 4, 20). Er spricht wohl vom Gebet, von Buße und Glauben und von der neuen Geburt; aber er versteht nichts weiter, als davon zu sprechen, denn in seinem Herzen hat er nichts davon erfahren. Ich habe ihn zu Hause sowie draußen beobachtet; und ich weiß, daß es wahr ist, was ich von ihm sage. Wahre Gottesfurcht ist in seinem Hause nicht zu finden, weder Gebet noch Bußfertigkeit über die Sünde. Er gilt bei allen, die ihn kennen, als eine Schmach und ein Schandfleck des Christentums, das um seinetwillen in jenem ganzen Teil der Stadt, wo er wohnt, verlästert wird. Das Volk sagt von ihm: „Ein Teufel im Hause und ein Heiliger draußen.“ Seine arme Familie muß das in reichem Maß erfahren. Er ist ein harter Geizhals; er schilt mit dem Gesinde und ist so unvernünftig in seinen Forderungen, daß man ihm nichts recht machen kann. „Mit einem Türken,“ sagt man, „kann man eher zusammen leben als mit ihm.“ Diesem Schwätzer soll es auch nicht darauf ankommen, seinen Nächsten zu überlisten, zu betrügen und zu übervorteilen. Um in einer Sache zu seinem Ziel zu kommen, da ist ihm kein Mittel zu schlecht. Seine Söhne hat er so erzogen, daß sie jetzt schon in seinen Fußtapfen wandeln, und wenn er bei einem von ihnen eine närrische Schüchternheit findet — so nennt er das erste Erwachen des Gewissens —, so heißt er ihn einen Narren und Dummkopf und läßt ihn eine Zeitlang seine Verachtung fühlen. Kurz, nach meinen Beobachtungen hat er durch seinen gottlosen Lebenswandel viel Ärgernis hervorgerufen und manchen dadurch zu Fall gebracht, und ich befürchte, er wird noch vielen, wenn Gott es nicht verhütet, zum Verderben gereichen.
Getreu. Deinen Worten, lieber Bruder, muß ich wohl Glauben schenken, nicht allein, weil du als Augenzeuge sprichst, sondern auch, weil du von diesem Menschen nur, wie einem Christen geziemt, urteilst; nicht in böser Absicht, sondern um der Wahrheit willen.
Christ. Hätte ich ihn nicht besser gekannt als du, so würde ich vielleicht anfangs wie du von ihm geredet haben. Ja, hätte ich dies Urteil über ihn aus dem Munde von Feinden des Evangeliums, so hätte ich dasselbe für eine Verleumdung gehalten — denn solches mußten ja die Frommen zu aller Zeit über sich ergehen lassen —; aber nein, aller dieser Dinge und noch vieler andrer, um die ich genau weiß, kann ich ihn überführen. Über dies alles sind die Frommen mit ihm übel daran und schämen sich seiner. Sie können ihn weder Bruder noch Freund heißen. Wenn sie seinen Namen nur nennen hören, werden sie schamrot.
Getreu. Ich sehe wohl, daß Reden und Tun zweierlei ist, und ich will es künftig besser unterscheiden.