Christ. Gewiß ist dies zweierlei, so verschieden auch Seele und Leib voneinander sind. Denn gleichwie der Leib ohne die Seele nur ein toter Körper ist, so gibt auch dem Reden allein das Tun die Kraft und das Wesen. Die Seele des Christentums offenbart sich in der Ausübung desselben. „Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott, dem Vater, ist der: die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen und sich von der Welt unbefleckt erhalten“ (Jak. 1, 27). Darauf achtet Schwätzer nicht; hören und reden, meint er, macht einen guten Christen, und so betrügt er seine eigene Seele. Das Hören gleicht dem ausgestreuten Samen, und über religiöse Dinge reden können, ist kein Beweis dafür, daß in Wahrheit Früchte im Herzen und im Leben sind[89]. Laß es uns tief zu Herzen nehmen, daß die Menschen am Tag der Rechenschaft nach ihren Werken gerichtet werden. Es wird nicht gefragt werden: „Was habt ihr geglaubt? Was habt ihr geredet?“ sondern: „Seid ihr Täter des Wortes gewesen?“ Und danach wird das Urteil gefällt. Das Ende der Welt wird mit einer Ernte verglichen, und du weißt, daß man in der Ernte nichts andres als Früchte erwartet[90]. Nicht als könnte Gott etwas wohlgefallen, was nicht aus dem Glauben kommt; ich will nur zeigen, wie völlig bedeutungslos das Bekenntnis eines Schwätzers an jenem Tag sein wird.
Getreu. Das erinnert mich daran, was Mose von den reinen und unreinen Tieren sagt: „Alles, was die Klauen spaltet und wiederkäut unter den Tieren, das sollt ihr essen. Was aber wiederkäut und hat Klauen und spaltet sie doch nicht, das ist euch unrein, und ihr sollt’s nicht essen“ (3. Mos. 11, 3. 4; 5. Mos. 14, 6 ff.). Der Hase käut wieder, ist aber gleichwohl unrein, denn er spaltet die Klauen nicht — ein treffendes Abbild eines Schwätzers. Er käut wieder, d. h. er sammelt sich einige Kenntnisse auf religiösem Gebiet, um sie in seinen Reden wiederzugeben; aber er spaltet die Klauen nicht: er scheidet sich nicht von dem Weg der Sünder, sondern er bleibt unrein wie der Hase, dessen Fuß dem eines Hundes oder Bären gleicht.
Christ. Du hast meines Erachtens das rechte evangelische Verständnis von diesem Text. Laß mich noch etwas hinzufügen. Paulus nennt einen solchen Menschen ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle (1. Kor. 13, 1), das sind, wie er es an einem andern Ort erklärt (1. Kor. 14, 7), Dinge, die einen Laut von sich geben und doch nicht leben; das will sagen: ein solcher Mensch ist ohne wahren Glauben, ohne die Gnade des Evangeliums; er wird deshalb auch nicht in das Himmelreich unter die Kinder des Lebens aufgenommen, und wenn er gleich mit Engelzungen redete.
Getreu. So gern ich anfangs mit ihm sprach, so müde bin ich jetzt seiner geworden. Wie kommen wir von ihm los?
Christ. Tue, was ich dir jetzt sage, und du wirst sehen, daß er deine Gesellschaft bald satt hat, es sei denn, Gott rühre sein Herz und wandle es um.
Getreu. Nun, was soll ich denn tun?
Christ. Gehe zu ihm und fang ein ernstes Gespräch mit ihm an über die Kraft der Gottseligkeit und frage ihn geradezu, wenn er eingewilligt hat — und das wird er ohne weiteres tun — ob sich die Gottseligkeit auch in seinem Herzen, in seinem Hause und in seinem Wandel finde.
Getreu wendete sich nun wieder an den Schwätzer und sprach zu ihm: „Nun, wie geht es dir?“
Schwätzer. Ich danke, recht wohl. Wir hätten in dieser Zeit ein langes Gespräch führen können.
Getreu. Willst du, so können wir jetzt ein Gespräch beginnen, und wenn ich den Gegenstand vorschlagen darf, so möchte ich die Frage aufwerfen: Wie offenbart sich das Werk der seligmachenden Gnade Gottes im Herzen der Menschen?