Schwätzer. Wir haben also, wie ich sehe, von der Kraft einer Sache zu reden. Gewiß, eine sehr gute Frage, die ich gern beantworten will. Ich will die Sache kurz so fassen: Erstens, wo die Gnade Gottes im Herzen ist, da erhebt sich ein großes Geschrei gegen die Sünde. Zweitens —
Getreu. Ich bitte, laß uns eins nach dem andern erwägen. Es scheint mir richtiger, wenn man sagt: Da erhebt sich in der Seele ein großer Abscheu vor der Sünde.
Schwätzer. Ei, was ist denn für ein Unterschied zwischen einem großen Geschrei gegen die Sünde und einem großen Abscheu davor?
Getreu. O ein sehr großer! Es kann ein Mensch wohl aus bloßer Weltklugheit gegen die Sünde viel Redens machen; verabscheuen aber kann er sie nur durch die Kraft der göttlichen Gnade. Ich habe gar manchen schon von der Kanzel herab gegen die Sünde schreien hören, die er aber nichtsdestoweniger in seinem Herzen, in seinem Hause und in seinem Wandel sehr wohl duldete. Josephs Gebieterin schrie mit lauter Stimme, als wäre sie sehr heilig; und doch war sie eine Ehebrecherin. Manche schreien wider die Sünde, wie eine Mutter, die ihr Kind auf dem Schoß wegen seiner Unart schilt und es dann sogleich wieder herzt und küßt.
Schwätzer. Du liegst auf der Lauer, das merke ich wohl.
Getreu. O nein, ich will nur die Sachen ins rechte Licht stellen. Was aber war die zweite Äußerung der Gnade, von der du reden wolltest?
Schwätzer. Große Erkenntnis der Geheimnisse des Evangeliums.
Getreu. Dieses Kennzeichen hättest du zuerst nennen sollen, aber auch dann wäre es falsch gewesen; denn Erkenntnis, ja große Erkenntnis in den Geheimnissen des Evangeliums kann man erlangen, ohne daß deshalb ein Werk der Gnade in der Seele sein müßte. Ja, man kann alle Erkenntnis haben und doch nichts sein und mithin auch kein Kind Gottes (1. Kor. 13, 2). Als Christus Seine Jünger gefragt hatte: „Habt ihr dies verstanden?“ und sie antworteten: „Ja,“ da fügte Er hinzu: „So ihr solches wisset, selig seid ihr, so ihr’s tut“ (Joh. 13, 12. 17). Er legt den Segen nicht auf das Wissen, sondern auf das Tun. Es gibt eine Erkenntnis, die nicht von der Tat begleitet wird; es gibt Knechte, die ihres Herrn Willen wissen und nicht danach tun (Luk. 12, 47). Es mag einer Erkenntnis haben wie ein Engel, ohne doch deshalb ein Christ zu sein. Darum ist dein Kennzeichen falsch. Das Wissen gefällt Schwätzern und Prahlern; das Tun gefällt Gott. Nicht als könnte ein Herz ohne die Gnade gut sein, ohne die es immer verfinstert bleibt; aber es gibt eben zweierlei Erkenntnis. Es gibt eine Erkenntnis, die in bloßer äußerer Betrachtung besteht, und eine Erkenntnis, die von Gnade, Glaube und Liebe begleitet ist, wodurch der Mensch getrieben wird, den Willen Gottes von Herzen zu tun. Die erste genügt dem Schwätzer, der wahre Christ gibt sich ohne die andre nicht zufrieden. Seine Bitte ist: „Unterweise mich, daß ich bewahre Dein Gesetz und halte es von ganzem Herzen!“ (Ps. 11, 34.)
Schwätzer. Du liegst schon wieder auf der Lauer, das dient nicht zur Erbauung.
Getreu. So gib ein andres Kennzeichen der Gnade an!