Schwätzer. Nein, ich sehe, wir stimmen doch nicht miteinander überein.

Getreu. Gut, so will ich ein Zeichen angeben.

Schwätzer. Das steht dir frei.

Getreu. Das Werk der Gnade im Herzen offenbart sich dem, der es an sich selbst erfährt, und denen, die um ihn sind. Wer es an sich selbst erfährt, dem offenbart es sich so: Er kommt dadurch zur Erkenntnis der Sünde, besonders der Unreinheit seines ganzen Wesens[91]; er erkennt die Sünde des Unglaubens[92], die ihn allein schon verdammen müßte[93], wenn er nicht Gnade bei Gott findet durch den Glauben an Jesus Christus. Diese Überzeugung und dieses Gefühl erweckt in ihm Traurigkeit und Scham über die Sünde. Aber nun wird der Seligmacher der Welt seiner Seele geoffenbart[94], sowie die Notwendigkeit einer Vereinigung mit Ihm für das ganze Leben[95]; es regt sich ein Hungern und Dürsten nach Ihm, das eine große Verheißung hat[96]. So stark nun sein Glaube an seinen Heiland ist, so stark ist seine Freude, sein Friede, seine Liebe zur Heiligung, so stark das Verlangen, Ihn noch mehr kennenzulernen und Ihm zu dienen in dieser Welt. Aber dennoch ist der Mensch selten fähig, das Werk der Gnade in sich selbst zu erkennen, teils wegen der noch anklebenden Sünde, teils weil die Augen des Gemüts noch nicht das rechte Licht haben. Deswegen wird bei dem, der solches Werk in sich hat, ein sehr gesundes Urteil erfordert, ehe er fest und sicher schließen kann, daß dies ein Werk der Gnade ist.

Bei andern offenbart es sich zuerst durch ein solches Bekenntnis des Glaubens an Christus, dem man es ansieht, daß es aus eigener Erfahrung kommt; dann durch ein Leben, das dem Bekenntnis gemäß ist, nämlich durch einen heiligen Wandel in der Welt, der sich als Frucht seines geheiligten Herzens ebenso in seinem Hause wie auch überhaupt im Umgang mit andern Menschen erweist, so daß man die Sünde und sich selbst um der Sünde willen im Herzen verabscheut, sie in seiner Familie unterdrückt und Gerechtigkeit in der Welt zu fördern sucht, und zwar nicht durch bloßes Sprechen, wie ein Heuchler und Schwätzer tut, sondern indem man im Glauben und in der Liebe sich der Herrschaft des göttlichen Wortes willig unterwirft[97]. Hast du etwas zu dieser kurzen Beschreibung des Gnadenwerks und seiner Offenbarung einzuwenden, so sage es; wo nicht, so erlaube mir eine zweite Frage.

Schwätzer. Meine Sache ist jetzt nicht, zu tadeln, sondern zu hören; ich erwarte deine zweite Frage.

Getreu. Hast du das, was in dem ersten Teil beschrieben wurde, an dir selbst erfahren, und gibt dein Wandel Zeugnis davon? Oder steht dein Christentum nur in Worten und auf der Zunge und nicht in der Tat und in der Wahrheit? Willst du mir darauf antworten, so sage nicht mehr — ich bitte dich —, als wozu Gott im Himmel amen sagen und was dein Gewissen rechtfertigen kann. „Denn darum ist einer nicht tüchtig, daß er sich selbst lobt, sondern daß ihn der Herr lobt“ (2. Kor. 10, 18). Dazu ist es eine große Gottlosigkeit, dich für einen Christen auszugeben, wenn dein Leben und alle deine Nachbarn dich Lügen strafen.

Bei dieser Frage errötete der Schwätzer; er faßte sich aber wieder und sagte: Du kommst jetzt auf Erfahrung, auf Gewissen und auf Gott selbst; ich muß dir gestehen: diese Wendung des Gesprächs ist mir unerwartet; du willst mich wie ein Kind ausfragen, aber ich fühle mich durchaus nicht aufgelegt, auf solche Fragen zu antworten, und ich kann dich nicht als meinen Richter anerkennen. Aber sage mir doch, wie kommst du dazu, solche Fragen an mich zu richten?

Getreu. Weil ich sehe, daß du nichts hast als einiges Wissen. Aber ich will die volle Wahrheit sagen: ich habe gehört, daß dein ganzes Christentum im Schwatzen besteht und daß dein ganzer Wandel das Bekenntnis deines Mundes Lügen straft. Man sagt, daß du ein Schandfleck unter den Christen bist, daß du dem Christentum durch deinen ungöttlichen Wandel schadest, daß du schon manchen durch dein gottloses Wesen verführt hast und ihrer noch mehr in gleicher Gefahr stehen. Dein Christentum vertrage sich auch ganz gut mit Saufgelagen, Geiz, Unzucht, Schwören und Lügen und schlechter Gesellschaft. Das Sprichwort, daß eine Hure aller Frauen Schandfleck ist, paßt auf dich: Du bist ein Schandfleck aller Gläubigen!

Schwätzer. Da du auf Gerüchte merkst und so rasch einen aburteilst, so muß ich dich für einen grämlichen, trübsinnigen Menschen halten, mit dem man nicht reden kann, und darum: Lebe wohl!