Erstes Kapitel.
Der Weg zur engen Pforte.
Als ich durch die Wüste dieser Welt wanderte, kam ich an einen Ort, wo eine Höhle war[1]; ich legte mich daselbst zum Schlafen nieder und hatte nun, als ich schlief, einen Traum. Siehe, ich sah an einem Ort einen Mann stehen in einem unflätigen und zerrissenen Kleid[2], sein Antlitz von seinem Hause abgewandt[3], mit einem Buch in der Hand und einer großen Last auf seinem Rücken[4]. Ich sah zu und ward gewahr, daß er das Buch öffnete und darin las, und während er las, weinte und zitterte er, und da er sich nicht länger halten konnte, brach er in den Angstschrei aus: „Was soll ich tun?“ (Apostelg. 2, 37; 9, 6.)
In diesem Zustand ging er nach Hause und suchte die Angst seines Herzens solange als möglich vor seiner Familie zu verbergen. Aber er konnte nicht lange schweigen, denn seine Unruhe zwang ihn, vor Frau und Kindern sein Herz auszuschütten, indem er sagte: „Ach meine liebe Frau und ihr, meine teuren Kinder, ich bin verloren, denn eine schwere Bürde lastet auf mir! Überdies wurde mir auch für gewiß berichtet, daß Feuer vom Himmel diese unsre Stadt[5] verzehren wird (2. Petr. 3, 7). Dabei werden wir alle, ich, du, meine teure Frau, und ihr, meine süßen Kindlein, elendiglich umkommen, wenn wir nicht beizeiten einen Weg zu unsrer Rettung finden.“
Durch diese Rede wurden die Seinen sehr bestürzt, nicht weil sie glaubten, daß das wahr sei, was er sagte, sondern weil sie dachten, es seien ihm verrückte Gedanken in den Kopf gestiegen. Da gerade die Nacht hereinbrach und sie hofften, der Schlaf werde ihn wieder zu sich selber bringen, drängten sie ihn, sich zur Ruhe zu begeben. Allein die Nacht war so unruhig für ihn wie der Tag; statt zu schlafen, brachte er sie mit Seufzen und Weinen zu. Als ihn nun die Seinen am Morgen fragten, wie es ihm gehe, antwortete er: „Ach, es wird nur ärger, immer ärger!“ und fing aufs neue an, zu ihnen zu reden wie tags zuvor; aber er fand kein Gehör. In der Meinung, seine Seelenangst durch barsches und mürrisches Wesen vertreiben zu können, spotteten sie sein und schalten ihn einen Toren; dann wieder bekümmerten sie sich gar nicht um ihn. Er zog sich daher in sein Kämmerlein zurück, um für sie inbrünstig zu beten und sein eigenes Elend zu beklagen. Er ging auch bisweilen hinaus in die Felder und las oder betete dabei und verbrachte auf diese Weise einige Tage. So sah ich ihn eines Tages im Feld umhergehen, seiner Gewohnheit nach in seinem Buche lesend, während er in tiefer Bekümmernis wie zuvor ausrief: „Was soll ich tun, daß ich selig werde?“ (Apostelg. 16, 30.)
Ich sah auch, daß er bald hierhin, bald dorthin blickte, als wollte er davonlaufen; er blieb jedoch stehen, ungewiß, wie mir schien, welchen Weg er einschlagen solle. Ich sah dann, daß ein Mann namens Evangelist sich ihm näherte und ihn fragte, warum er denn so schreie. „Ach Herr,“ antwortete er, „ich ersehe aus dem Buch in meiner Hand, daß ich verurteilt bin zu sterben und danach vor Gericht zu erscheinen (Hebr. 9, 27), und finde nun, daß ich weder zu dem ersten willig, noch zu dem andern geschickt bin[6].“
Hierauf sprach der Evangelist: „Warum bist du denn nicht willig zu sterben, da doch dieses Leben von so vielen Übeln und Plagen begleitet ist?“ — „Weil ich fürchte,“ antwortete der Mann, „die auf meinem Rücken liegende Last werde mich noch tiefer hinabdrücken als in das Grab, ja mich in die Hölle hinunterstoßen, und, Herr, wenn ich nicht einmal geschickt bin, ins Gefängnis zu gehen, so werde ich noch viel weniger geschickt sein, vor dem Richter zu erscheinen und die Vollziehung der Strafe zu ertragen. Daran dachte ich und mußte deshalb so sehr weinen und rufen.“
„Wenn es so mit dir steht,“ sagte der Evangelist, „warum bleibst du denn hier stehen?“ — „Ach,“ erwiderte er, „ich weiß ja nicht, wohin ich mich wenden soll!“ Der Evangelist gab ihm hierauf ein Blatt Papier, auf welchem geschrieben stand: „Entfliehe dem zukünftigen Zorn!“ (Matth. 3, 7) Der Mann las diese Worte, und den Evangelisten ängstlich anblickend, fragte er: „Wohin soll ich denn fliehen?“ Der Evangelist wies mit dem Finger über ein sehr weites Feld hin und sprach: „Siehst du dort jene kleine enge Pforte[7]?“ — „Nein,“ antwortete der Mann. „Siehst du auch nicht jenes scheinende Licht[8]?“ fragte der andre. Er sagte: „Ich meine, ich sehe es.“ — „Gut,“ fuhr der Evangelist fort, „behalte nun jenes Licht im Auge und gehe geradeswegs darauf zu, so wirst du bald die Pforte finden. Wenn du dort anklopfen wirst, wird man dir sagen, was du weiter zu tun hast.“