„Es sind,“ erwiderten jene, „soviel wir sehen können, redliche und friedliche Männer, die niemand etwas zuleide tun. Mancher ist auf unserm Markt, der eher ins Gefängnis, ja an den Schandpfahl gehörte als diese Männer, die man so schändlich mißhandelt.“
Eine Weile noch fiel Rede auf Gegenrede, währenddessen sich die Pilger ruhig und besonnen verhielten. Aber bald kam es von Worten zu Händeln und blutigen Auftritten, und es entstand die größte Verwirrung.
Hierauf mußten die armen Pilger aufs neue vor ihren Richtern erscheinen; sie wurden hart verklagt, daß sie die Ursache am letzten Aufruhr auf dem Jahrmarkt wären; man stäupte sie in grausamer Weise, man legte sie in Ketten und führte sie den Markt auf und ab, zum abschreckenden Beispiel für andre und zu verhindern, daß jemand für sie spräche oder sich ihnen anschlösse. Sie benahmen sich dabei so ruhig und trugen die Schande mit so viel Sanftmut und Ergebung, daß mehrere auf dem Markt — indes nur eine geringe Zahl im Vergleich mit der Menge — für sie gewonnen wurden. Dies setzte die andern in desto größere Wut, und sie beschlossen den Tod der Fremdlinge. Darum drohten sie ihnen, daß Pranger und Ketten für sie zu gelinde Strafen seien, daß sie vielmehr sterben sollten, und zwar um des angerichteten Schadens willen und weil sie alles Volk auf dem Markt erregt hätten. Man führte sie wieder in das Gefängnis zurück und legte ihre Füße in den Stock, bis das Urteil über sie gefällt sein würde.
Hier gedachten sie der Worte ihres treuen Freundes, des Evangelisten, die so genau in Erfüllung gegangen waren, und wurden dadurch nicht wenig in ihrem Glauben gestärkt. Es wurde ihnen auch ganz gewiß, daß einer von ihnen hier sterben werde; einer sagte es dem andern zum Trost, daß das Los dessen, der hier sein Leben lassen werde, das schönste sei, und jeder wünschte heimlich, daß es ihm selbst zuteil werden möchte. Doch, indem sie sich der allweisen Führung dessen überließen, der alle Dinge regiert, blieben sie mit völliger Ergebung in ihrer gegenwärtigen Lage und sahen ruhig der Entscheidung entgegen.
Nachdem nun eine gelegene Zeit gekommen war, wurden sie im Beisein ihrer Feinde und Ankläger vor das Gericht gestellt, dessen Vorsitzender Gotthaß war. Die Anklage gegen beide war dem Wesen nach ein und dieselbe. Man beschuldigte sie, sie seien Feinde und Störer des Handels, sie hätten Unruhen und Spaltungen in der Stadt erregt, ja eine Anzahl der Einwohner, dem Gesetz ihres Fürsten zum Trotz, für ihre gefährlichen Grundsätze gewonnen.
Getreu verantwortete sich nun hierauf zuerst und sprach: „Ich habe mich nur gegen das gesetzt, was sich selbst gegen den Allerhöchsten aufgeworfen hat. Störung und Unruhe mache ich nicht, denn ich bin ein Mann des Friedens. Sind etliche für uns gewonnen worden, so geschah es durch die Erkenntnis unsrer Unschuld und Redlichkeit, und sie haben sich nur vom Schlechten zum Bessern gewendet. Was den König betrifft, von dem ihr redet, so spreche ich ihm und allen seinen Dienern hiermit öffentlich Hohn, ist er doch Beelzebub, der Feind unsers Herrn.“
Hierauf wurde ausgerufen, wer etwas zugunsten seines Königs und Herrn gegen diesen Gefangenen vor den Schranken vorzubringen habe, solle sogleich auftreten und sein Zeugnis ablegen. Da traten drei Zeugen herzu, nämlich Neid, Aberglaube und Schmeichler.
Man fragte sie, ob sie den Gefangenen kennten und was sie für ihren König und Herrn zu sagen hätten.
Da trat Neid vor und sprach: „Mein Herr, ich kenne diesen Mann schon lange und will es auf meinen Eid vor diesem hochwürdigen Gericht bezeugen, daß er —“
„Halt!“ rief der Richter, „man lasse ihn zuerst schwören!“ Es geschah, und Neid fuhr fort: „Mein Herr, dieser Mann ist trotz seines schönen Namens einer der schlechtesten Menschen in unserm Land. Er achtet weder Fürsten noch Volk, weder Gesetz noch Sitte. Er benützt jede Gelegenheit, um jedermann seine verderblichen Ansichten beizubringen, die er Grundsätze des Glaubens und der Heiligkeit nennt. Ich habe ihn einmal selbst sagen hören, das Christentum und die Sitten unsrer Stadt Eitelkeit ständen einander schnurstracks gegenüber, und es sei schlechthin unmöglich, beide zu vereinigen. Indem er also spricht, Herr Richter, verdammt er nicht allein alle unsre löblichen Handlungen, nein, er verdammt somit auch uns selbst, die wir sie tun.“