Geldlieb. Nein, das brauchen wir nicht, denn wer weder der Schrift noch der Vernunft glaubt — und beide sind auf unsrer Seite —, der kennt weder seine Freiheit, noch sorgt er für sein Wohl.

Nebenwege. Meine Brüder, erlaubt mir, euch zur Verkürzung des Weges und zur Bewahrung vor allerlei Bösem eine Frage vorzulegen. Ich setze den Fall, ein Mann, sei es ein Geistlicher oder ein Geschäftsmann, sähe sich in die günstige Lage versetzt, irdischer Güter teilhaftig zu werden, könnte sie aber nicht anders erlangen, als daß er den Schein eines außerordentlichen Eifers für gewisse Punkte des Christentums annähme, die ihm sonst völlig gleichgültig wären; könnte er sich nicht dieses Mittels bedienen und dabei dennoch ein ehrlicher Mann bleiben?

Geldlieb. Ich sehe deiner Frage wohl auf den Grund, und es möge mir erlaubt sein, daß ich versuche, darauf eine gründliche Antwort zu geben. Zuerst in Hinsicht des Geistlichen. Stellt euch einen würdigen Mann vor, der nur ein sehr geringes Einkommen hat und sein Augenmerk deshalb auf eine fettere Pfründe richtet. Er hat Hoffnung, sie zu erlangen, jedoch nur so, daß er sein Amt eifriger verwalte, noch viel öfter und häufiger predige und der neuen Gemeinde zuliebe einige seiner Grundsätze aufgebe. Hier sehe ich in der Tat nicht, warum ein Mann, vorausgesetzt, daß er einen Ruf habe, nicht dies, ja noch weit mehr tun und dabei doch ein ehrlicher Mann bleiben könne, denn:

1. Sein Verlangen nach einem größern Einkommen ist gesetzmäßig; dies ist unwidersprechlich, denn die göttliche Vorsehung bietet es ihm dar. Darum mag er es zu erlangen suchen, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen.

2. Sein Verlangen nach einem größern Einkommen macht ihn überdies zu einem fleißigern, eifrigern Prediger, also auch zu einem bessern Menschen, der seine Pflicht treuer erfüllt, was ja dem Willen Gottes vollkommen gemäß ist.

3. Wenn er seiner künftigen Gemeinde zuliebe einige seiner bisherigen Grundsätze aufgibt, so zeigt er ein großes Maß von Selbstverleugnung, ein einnehmendes, nachgiebiges Wesen, wodurch er offenbar desto geschickter zu seinem Amt wird.

4. Aus diesem allem schließe ich, daß ein Geistlicher, der ein kleines Einkommen mit einem größern vertauscht, deswegen nicht für gewinnsüchtig gelten kann. Im Gegenteil, da er sich dabei mehr vervollkommnet, muß er als ein solcher angesehen werden, der seiner Bestimmung treu bleibt und die Gelegenheit zum Guten ergreift, die Gott ihm darbietet.

Was nun den zweiten Teil der Frage betrifft, so denke man sich einen Geschäftsmann, der nur ein kleines Geschäft und kärgliches Auskommen hat, fände aber dadurch, daß er fromm würde, Gelegenheit, sein Geschäft auszudehnen, einflußreiche Freunde zu erwerben, vielleicht eine reiche Frau zu bekommen oder eine ausgedehntere, bessere Kundschaft für seinen Laden zu erlangen: dies könnte ich für durchaus zulässig erklären.

Hier meine Gründe:

1. Frömmigkeit, möge sie entspringen, woraus sie will, ist immer eine Tugend.