Es war noch früh, aber auf den Straßen brannten bereits die gelben und weißen Lichter. Ein dichter und kühler Regen ging nieder wie Staub.
Felder ging die breite, gerade Straße bis zum Tiergarten, er
durchschritt ihn auf kotigen, dunklen Wegen, bis er ans Brandenburger
Tor kam, ging die Allee der Linden herunter, verlor sich in dem
Straßengewühl des Zentrums, immer noch ohne zu wissen, wohin er
wollte, und sah erst auf, als der Regen sein heißes Gesicht wie
Schläge zu treffen begann. Er war zwei Stunden gegangen wie zwei
Minuten. Er wußte es nicht einmal. Er befand sich in der Nähe des
Moritzplatzes.
Er mußte allein sein, ganz allein… Schon die wenigen Menschen um ihn herum auf den Straßen störten ihn. Der Name einer alten Weinstube in der Nähe fiel ihm ein. Er war dort ein- oder zweimal früher gewesen, mit seinen Freunden. Vielleicht war das Hinterzimmer frei.
Er traf es so.
Erst als er eintrat und den Überzieher zurückschlug, wurde er gewahr, daß er sich im Schmucke seiner Ehrenzeichen befand, der hastig beim Ankleiden übergestreiften Bänder und der Münzenmenge auf seiner Brust. Schnell verdeckte er sie wieder, und während er seinen Rock auszog, streifte er alles ab und verbarg es in den Taschen, wie geraubtes Gut.
Er war ganz allein in seiner Ecke, nachdem ihm der Wirt den Wein gebracht. Sogar im Vorderzimmer spielten nur ein paar Stammgäste, die sein Eintreten überhaupt nicht bemerkt hatten, einen stillen Skat.
Er trank, sah vor sich hin und grübelte nach. Er konnte es noch immer nicht begreifen, was geschehen war!—
Dann zog er zögernd ein kleines, abgenütztes, in braunes Leder gebundenes Buch aus der Brusttasche, das er stets bei sich trug. Dieses Buch war ihm nach einem seiner ersten Aufsehen erregenden Siege—wie lange war es schon her!—von einem älteren Mitglied seines alten Klubs geschenkt worden, und der Geber hatte ihm dabei gesagt: "Immer können Sie nicht siegen, aber so viele Seiten dieses kleine Buch hat, so viel Siege wünsche ich Ihnen und uns…" Und Felder hatte wie zum Scherz die Seiten gezählt: 103. Koepke nahm das Buch mit nach Hause, und als er es Felder wiedergab, fand dieser in tadelloser Rundschrift und mit kaufmännischer Genauigkeit von Anfang an bis heute seine sämtlichen Beteiligungen an den Festen des Schwimmsports eingetragen: ihren Tag und Ort, ihre Veranstalter, die Art der Konkurrenz und wer an ihr teilnahm, ja die Stunden—alles war registriert und seine Siege schön unterliniert und mit roter Tinte prächtig hervorgehoben: ihre Art, die gemachten Zeiten, die errungenen Preise aufs genaueste verzeichnet… Und jedesmal nach einer neuen Beteiligung oder nach einer Reise erhielt Koepke das kleine, braune Buch, um es am nächsten Tage wieder zurückzugeben, bereichert um ein neues Blatt, das in nüchternen Worten und Zahlen, aber doch so beredt von herrlichen Mühen und herrlichen Siegen sprach.
Über kein Geschenk hatte Felder sich je so gefreut, wie über dieses.
Oft hatte er in stiller Stunde in dem Buche geblättert, aber noch nie hatte er so sorgfältig Blatt um Blatt gewandt, vom ersten bis zum letzten, wie heute. Selten erst, dann immer öfter, endlich fast auf jeder Seite zeigte sich die rote Linie unter seinem Namen, und immer öfter kehrten die Worte wieder: "Erster: Franz Felder…"