Grach hatte Mühe, nicht loszulachen.
Daß man ein Buch auch kaufen könne, war dieser Frau offenbar noch nicht bekannt, und sie, die gewohnt war, auf Damast zu schlafen und von silbernen Schüsseln zu speisen, scheute sich nicht, die schmutzigsten Leihbibliotheksbände durch ihre weißen Hände gleiten zu lassen. Auf dem Tische vor ihm lagen einige Exemplare dieser Art.
Die Sonne brannte durch die Blätter der Laube. Ihre Glut hatte die höchste Höhe erreicht. Ihn dürstete. Er bat um etwas Wein und Wasser. Während der Diener es brachte, schwiegen sie. Da sie sah, daß er nicht antwortete, sagte sie: "Könntest du mir nicht sagen, was du in deinem Buche geschrieben hast über die Ehe, nur ganz kurz —ich komme so selten dazu, ein Buch zu lesen—"
Er beugte sich wieder zu ihr hin.
"Ich glaube, daß es so viel verschiedene Neigungen und Bedürfnisse gibt, als es Menschen gibt, und ich wünsche, daß jeder Mensch diesen seinen Neigungen ungestört nachlebe, aus dem einfachen Grunde, um selbst ungestört den meinen folgen zu können.
Ich maße mir nicht an, die Menschen zu verstehen. Wir verstehen überhaupt wenig von einander. Aber frech greifen wir täglich und stündlich in das Leben unserer Mitmenschen ein, unter dem lügenhaften Vorgeben, ihnen helfen zu wollen. Ich möchte, daß ein jeder nach seiner Façon glücklich werde hier auf der Erde.
So ungefähr ist der Grundgedanke meines Buches. Du hast es nicht gelesen; ich mußte ihn dir daher schnell herzeichnen.
Wovon man dir aber wahrscheinlich erzählt haben wird, das ist das Kapitel, welches ich 'Die Menschen der Ehe' betitelt habe. Ohne irgendwie zu klassifizieren oder zu schematisieren, habe ich in ihm die Frage gestellt, ob es nicht einen größeren Teil Menschen gäbe in unserer Zeit, auf welche diese Bezeichnung mit Recht sich anwenden ließe; Menschen der Enge im Gegensatz zu den Menschen der Weite; Menschen, die nie in Konflikt kommen mit ihrer Umgebung, da sie alle Geschicke—alle, die aus der Menschen Hände kommen—als von Gott ihnen auferlegt betrachten; Menschen der kleinen Zufriedenheit, die ihr Glück finden in den Winkeln des Tages, immer an dem einen Tische und immer an derselben Brust: Menschen, die nicht wissen, was es heißt, ein Versprechen auf Lebenszeit zu geben, weil sie nicht wissen, was es heißt: zu leben; Menschen der Stagnation, nicht Menschen der Bewegung; Nummern, aber Nummern, welche zu Zahlen werden, und welche ich deshalb hasse!—
Menschen der Gewöhnlichkeit!—Menschen der Ehe!—"
Er hatte fast langsam, mit Ruhe und ohne äußere Leidenschaft gesprochen.