Er wurde wärmer.

"Deine verstorbene Mutter ist sehr gut gegen mich gewesen. Sie hat mir, dem Verwaisten, ein Dach und einen Tisch geboten viele Jahre lang. Und dann haben wir beide unsere Jugend nebeneinander verlebt, wenn auch nicht miteinander. Das vergißt sich nicht so leicht. Darum bin ich gekommen, nur darum."

Er hatte eine Rose vom Strauch gerissen und zerstreute während des
Sprechens ihre Blätter achtlos umher.

"Wie er die Blume behandelt!"—dachte sie. Sie hatte nur noch einen Wunsch: diese erbarmungslos klare und schneidende Stimme nicht mehr zu hören. Aber diese Stimme klang weiter.

"Ich komme hierher in dem festen Glauben, dich bereit zu finden, den entscheidenden Schritt zu tun. Ich finde dich völlig schwankend, ohne jeden Entschluß—sage mir doch, weshalb du mich eigentlich gerufen hast?"—

Sie sah sich bis auf den letzten Punkt gedrängt und verließ ihn, um sich zu retten, indem sie zum Angriff überging.

"Du sprichst so viel", klagte sie, "von den Mißständen in der Ehe.
Willst du mir nicht sagen, wie du dir denn die Ehe denkst?—Wenn du
etwas beseitigen willst, so mußt du doch etwas anderes an dessen
Stelle setzen können."

Diesen letzten Satz hatte sie einmal irgendwo gehört, und er däuchte ihr gut und passend, um ihn jetzt anzuwenden. Kein Weib ist ganz ohne Schlauheit. Auch sie war es nicht.

Grach antwortete sofort.

"Ich kenne nur ein Verhältnis wie zwischen Mensch und Mensch, so zwischen Mann und Weib, das ich würdig nenne: das auf gegenseitiger Unabhängigkeit beruhende; denn es ist zugleich das einzige, das die gegenseitige Achtung ermöglicht. Der Herr verachtet den Knecht, und der Knecht haßt den Herrn."