Früher gab es unter einem Teil der Quartiere eine lose Vereinigung, die hauptsächlich bezweckte, in der Form einer sogenannten „Totenlade“ die Beerdigungskosten verstorbener Mitglieder aufzubringen. Da man aber unterlassen hatte, ein Kapital als Grundstock einzuschießen, so reichte der Taler Sterbegeld schließlich nicht mehr hin und die Sache ging ein. So lange sie noch in vollem Betrieb war, pflegte man sich einmal im Jahre beim Wirte Lautenberg in der Steinstraße, der über einen größeren Saal verfügte, zusammenzufinden, um einen gemütlichen Abend — ohne Damen — zu verleben. Der Gelegenheitsdichter Volgemann lieferte dazu Lieder, in denen die Ökelnamen eine große Rolle spielten. Die Sachen haben natürlich nur einen Augenblickswert gehabt. Mir liegt ein Tafellied zum 31. Januar 1863 vor, worin es nach der Melodie: „Der Papst lebt herrlich in der Welt“ u. a. heißt: „Hier seht nun unsern Bodenstein, der muß stets Alterspräses sein. Er hat die Sache angeregt, zu diesem Fest den Grund gelegt. — — Un Grootkaß von dat „fiin“ Quarteer, den makt et hüt en Barg Pläseer, denn wenn he recht vergnögt will sien, stellt he sick sicher bi uns in.“ Ebenso geht es hoch- und plattdeutsch durcheinander in einem Liede zum 4. Februar 1865 nach der Melodie: „Ich bin der Doktor Eisenbart“, z. B. „Un Pingel unse ohle Fründ is gern wo sien Konsorten sünd. Wer fiif Mal sick een Fro nehm’n kann, dat is förwahr „ein ganzer Mann.“ — — Auch Voß und Löding sind zwei Leut’, sie denken an die Schlafenszeit. Weil wi jem to „de Möden“ tellt, hebbt se denn Slaap hüt afbestellt.“ — In späteren Jahren hören in diesen Tafelliedern die Anspielungen auf Einzelmitglieder und ihre Ökelnamen auf, wie die nachfolgenden Proben aus den Volgemannschen Gelegenheitsgedichten zeigen, die das Hamburger Staatsarchiv in 13 starken Sammelbänden bewahrt und mir freundlichst zur Verfügung stellte.
2. Februar 1878 (Band VIII. 222), Singweise „Wohlauf noch getrunken“ Vers 2 bis 4: „Quartiersleute haben wohl schwierigen Stand, sie müssen empfangen zu Wasser und Land und oft im Geschäft machen bei dem Verkehr den Kopf und die Kräfte die Ablief’rung schwer. Wenn auf dem Komptoir kaum fertig sie sind, die Arbeit am Speicher mit Eifer beginnt. Dort müssen auf’s Winden sie gut sich verstehn und oft dabei selbst sich winden und drehn. Die Führer der Ewer, man weiß ja daß sie absichtlich Streit suchen beim Arbeiten nie! Trotzdem kann man immer nicht einig sich sein: das liegt im Geschäft so Tag aus und Tag ein.“
11. Januar 1879 (IX. 294) Vers 5: „Der Hamburger Quartiersmannsstand ist rühmlich weit und breit bekannt. Komptoir und Speicher, Quai und Fleth weiß wie er sein Geschäft versteht.“
18. Februar 1882 (IX. 317), Singweise „Was gleicht wohl auf Erden“, Vers 2: „Quartiersmann ist kundig, den Kaufmann zu ehren, zu nützen und schützen zu Wasser und Land; die Speicher zu füllen, die Speicher zu leeren, ist gern er beschäftigt im mühvollen Stand.“
30. Januar 1897 (XIII. 133). Singweise „’Ne ganze kleine Frau“: „Besett mit blanke Knöpen von Sülber mannichfach, darin umher sünst löpen Konsorten Dag för Dag: stolz drog man de bestellten, as wenn’t en Staatskleed wör. Jetzt süht man se man selten un driggt ganz wenig mehr de kotte feine Jack, de kotte feine Jack, de kotte feine, feine, feine ohl Quarteersmannsjack.“
Volgemann selbst nennt sich XIII. 48 „alter Haus- und Hofpoet seit 1848“. Aus den Liedern X. 250 und 251 und XI. 91 scheint hervorzugehen, daß 1864 und 1876 Versuche stattfanden, der ersten Vereinigung von 1848 festere Formen zu geben, während erst weitere zehn Jahre später der noch heute bestehende „Verein Hamburger Quartiersleute von 1886“ endgültig gegründet wurde. Am 30. September 1911 feierte dieser Verein sein 25jähriges Stiftungsfest durch Festtafel und Ball in der „Erholung“. Das Programm, gedruckt bei Carl Griese, enthält unter anderen hübschen Zeichnungen von Johs. Ulfert drei, auf denen Quartiersleute in alter Tracht dargestellt sind.
Zum Schluß muß ich noch der Ewerföhrer gedenken. Es scheint eigentlich sonderbar, daß man den Mann in der Schute Ewerführer und nicht Schutenführer nennt, denn in Hamburg heißt Ewer ein Elbschiff mit Verdeck, Mast und Steuer, während den Schuten dies alles fehlt. Es sind eben ganz offene Fahrzeuge ohne Kiel, die nur hinten einen kleinen verschließbaren Raum haben, de Plicht, worin Arbeitszeug und dergleichen Platz findet, gelegentlich auch vielleicht, was von der Ladung abfällt. Da auch die Ewer flachen Boden haben (der Kiel wird durch ein „Schwert“ an jeder Seite ersetzt), so läßt sich vielleicht annehmen, daß sie früher nicht allein auf der freien Elbe, sondern auch für Transporte zwischen Speicher und Seeschiff verwendet wurden, und daß man erst allmählich zum offenen Leichter, der Schute, übergegangen ist. Die Bezeichnungen Ewer, Schute und Prahm kommen übrigens bereits im 14. bis 16. Jahrhundert nebeneinander vor (Koppmann I. S. LXXVII. f., VII. S. CXX.). Vom Ewerführer ist im Patriot No. 155 vom 20. Dezember 1726 S. 1 die Rede.
Zum Schutz der Ladung der Schuten gegen Regen dienten Persenninge, breite geteerte Segeltuchstreifen mit Holzrollen an beiden Enden. Doornkaat meint, der Ausdruck könne vom englischen preserving = Schutz stammen (vergl. Korr. Bl. 28 S. 48, 55. 71). Kleinere Schuten werden Bollen genannt. Der Eigentümer der Schuten heißt Ewerföhrerbaas. Baas will sagen „Meister“. Wenn der Lehrling dem Ewerführer eine Bestellung ausrichtete, etwa: „Sie möchten Ihrem Herrn sagen, daß er heute an der Börse vorkommt“, so erhielt er zur Antwort: „Herr — Herr? — Ick bün doch keen Köter, de ’n Herrn hett! — Ick will mien’n Baas dat seggn.“ Von den Beinamen der Ewerführerbaase hörte ich nur Baron Sachs für Hans Sachs, Kees’-Dircks für einen Dircks, der für ein Geschäft im Grimm häufig Käse fuhr und Spinn’grieperdircks für einen Namensvetter. Dessen Nachfolger im Geschäft, Ahrens, hieß Jägerahrens.
So lange es sich um den Verkehr zwischen dem alten Binnenhafen und den Fleetspeichern handelte, peekten die Ewerführer ihr Fahrzeug mittels langer Stangen weiter, indem sie deren eiserne Spitze in den Schlamm stemmten und vom Vorderende der Schute, auf deren breitem Rand, sich langsam, schiebend, nach hinten bewegten. Deshalb ihr Ökelname: „Slickschuber“. Da sie hierbei die Querleiste des oberen Endes der Stange, die Krück, zwischen Brust und Schulterknochen drückten, hießen sie auch Stakendrücker. Wenn es gerade so paßte, zogen sie sich auch wohl mit dem neben der Spitze der Stangen befindlichen Haken an Ringen der Hausmauern und Schuteneisen der Brückenwiderlager und Kaimauern entlang oder an Pfählen oder an anderen Schiffen. Da ein Steuer fehlte, wurde die Richtung durch die Art des Schiebens eingehalten, wie man das noch heute in den Fleeten wie auf der Alster gelegentlich beobachten kann. Die Speicherarbeiter pflegten dem Ewerführer wohl scherzend zu bemerken: „Du hest dat good. Du kannst di ümmer stütten bi de Arbeit. Un wenn du rüggwarts geist, kummst du doch vörruut.“ — Daß die Sprache der Wasserkante ausschließlich Plattdeutsch geblieben ist, sei hier beiläufig erwähnt. Im Zusammenhang damit stand es, daß im Verkehr zwischen Arbeitern und Vorgesetzten das trauliche du gegenseitig die Regel bildete. Das hat jetzt allerdings aufgehört. — Auf der Alster benutzt der Ewerführer zuweilen den Wind zur Erleichterung seiner Arbeit, indem er aus einer Stange mit daran befestigter Persenning ein Notsegel herstellt.
Während die älteren Schuten noch aus Holz erbaut sind, ist man jetzt zur Eisenkonstruktion und größerer Tragfähigkeit (300 Tons und mehr) übergegangen, auch sieht man vielfach „Kastenschuten“ mit abnehmbarem Verdeck. Da nun außerdem die Entfernungen wegen der außerordentlichen Ausdehnung unserer Hafenanlagen sehr groß geworden sind, und da infolge der Tiefe der Freihafenfleetzüge die Stangen oft nicht mehr den Grund erreichen würden, so muß der Ewerführer jetzt vielfach Schlepperhülfe in Anspruch nehmen. Einzelne Schuten findet man auch schon mit einem Motor ausgerüstet.