Kurt Winkelmann.
Caruso sang und Gerda hielt ein Billett zur Don Juan Aufführung in Händen. Ein schier unerreichbarer Wunsch sollte in Erfüllung gehen! Aber — nein, es war unmöglich, wie konnte sie sich hinwegsetzen über Sitte und Erziehung. Sie, Gerda von Wangenheim, durfte das nicht. Auf welchen Weg war sie geraten?
Wie konnte er glauben — — —
Wie hatte er geschrieben? Er nähme an, daß sie sich über kleinliche Bedenken hinwegsetzen würde.
Nein, für kleinlich sollte man sie nicht halten, aber Töchter solcher Häuser, aus denen sie stammte, ließen sich nicht von Herren ins Theater führen.
Sie war aber nicht mehr die Tochter des Hauses, sie war Künstlerin, für sie gab es andere Grenzen als für jene. Ihr, der Künstlerin, war erlaubt, was jenen versagt war.
Aber — er suchte sie zu verpflichten! Und nicht nur das! Man würde sie zusammen in der Oper sehen, sie beide in der Loge. Sie würde sich kompromittieren, nein, sie mußte das Billett zurücksenden. Caruso! Wie das lockte! Wirklich, mußte sie sich diesen Genuß entgehen lassen? Schließlich war sie mit einem schönen Dank der Verpflichtung enthoben. Und geklatscht? Was machte das schließlich aus, sie würde sich darüber hinwegsetzen. Solange sie vor sich selbst bestehen konnte, hatte sie nichts zu fürchten. Sie, die Künstlerin, war frei und unabhängig. Es gab nur eines, was sie veranlassen mußte, abzulehnen — wenn sie ihrer selbst nicht sicher war. Er begehrte sie, da war kein Zweifel möglich.
Sie liebte ihn nicht. Eigentlich wunderte sie sich, daß er keinen Reiz auf sie ausübte. Im Grunde war er doch ein begehrenswerter Mann, und es schien ihr, daß er bei jeder Frau, mit der er zusammenkam, ein wärmeres Gefühl erregte. Ob nicht doch schon, ihr unbewußt, ein Feuerfünkchen im Herzen glühte?
Sie fühlte seine schönen, etwas verschleierten Augen auf sich gerichtet, die sie unerbittlich prüften. Unerbittlich jegliche Hülle durchdrangen. Die den Körper umschmeichelten und für sich in Anspruch nahmen.
Sie schauderte.