Lotte nickte. »Da suchen Sie Halt und Familienanschluß? Haben Sie Ihre Verwandten schon gesehen?«

»Nein. Nur telephonisch haben wir uns gesprochen. Wir konnten uns noch nicht auf einen bestimmten Tag einigen, da meine Schwägerin stets etwas vorhatte.«

»Und wie lange sind Sie schon hier?«

»Zwei Wochen.«

»Da haben wir es ja! In zwei Wochen keine Stunde Zeit für die Schwester und Schwägerin. Eine moderne Frau in Berlin hat keine Zeit, selbst nicht für Mann und Kinder, Sie werden es schon sehen.

Ich will Ihnen etwas sagen, Ebba. Unsere Großstadtmenschen huldigen dem Ichkultus, der Hingabe an ihre eigene Persönlichkeit. Ein grenzenloser Egoismus lockert das Wurzelreich von Sitte, Moral und Pflichtgefühl — und was das schlimmste ist, er untergräbt den Familiensinn. Man lebt für sich, nicht für die anderen.«

»Nein, nein, Sie malen zu schwarz. So ist es nicht, ich kann das nicht glauben.«

»So werden Sie es lernen. Warum wollen Sie schon gehen, es ist nicht spät, so bleiben Sie noch ein wenig.«

»Ich bin müde, Berlin greift an, ich bin den Trubel in den Straßen nicht gewöhnt, lassen Sie mich gehen.«

»Dann auf morgen, Frau Ebba, und — gute Freundschaft, dabei bleibt es.«