Winkelmann hatte Gerda bei dem Kommerzienrat Menders eingeführt, und man hatte sie aufgefordert, auf dem nächsten Tee zu singen.

Wieder würde ihr Name genannt werden, wieder würde der Kreis ihrer Anhänger sich erweitern.

Sie brauchte Menschen, Publikum!

Wie ein Fieber war es über sie gekommen. Gesehen werden — von sich reden machen! Sie, die bisher eine kühle Reserviertheit allen fremden Menschen gegenüber gezeigt hatte, war jetzt von einer gewinnenden Liebenswürdigkeit. Hatte für jeden ein freundliches Lächeln und verbindliche Worte. Ihr Antlitz lächelte, aber ihr Inneres lachte. Lachte und höhnte. Ich brauche euch, daß ihr es nur wißt — Maske mein Lächeln, Lüge meine Worte — Mittel zum Zweck! Sprossen meiner Stufenleiter seid ihr mir, nichts weiter. Hinauf zum Ruhm und Glanz. Sie begann sich auffällig zu kleiden. War sie durch ihre Trauer auch an die schwarze Farbe gebunden, so verstand sie es doch, durch irgendeinen raffinierten Halsausschnitt, durch ein Arrangement ihres funkelnden Haares, die Aufmerksamkeit auf ihre Person zu lenken. Sie brachte sich zur Geltung, aber — sie wirkte stets vornehm. Sie besuchte mit Winkelmann zusammen die Konzerte. Ließ sich von ihm in Restaurants führen, wo sie gesehen wurden. Sie setzte sich dem Gerede aus, als Winkelmanns Geliebte zu gelten. Das war ihr gleichgültig. Sie lachte darüber. Sie brauchte einen Kavalier, und Winkelmann war ihr gerade recht dazu. Im übrigen war sie ihm auch zu Dank verpflichtet. Er ermöglichte es ihr, weiter zu studieren, er machte sie bekannt, mit Menschen, die ihr nutzen konnten — genug, sie brauchte ihn. Und er war glücklich, vor der Welt als ihr Geliebter gelten zu dürfen; daß er es in Wirklichkeit werden würde, davon war er überzeugt.

Auch heute wollten sie zusammen in die Oper gehen. Gerda erwartete ihn. Sie hatte versprochen, vorher mit ihm zusammen eine Tasse Tee zu trinken. Sie saß an dem nett arrangierten Teetisch, rauchte und lächelte. Der arme Reitzenstein! Er war tief unglücklich. Er hatte ihr Vorwürfe gemacht, daß sie sich öffentlich mit Winkelmann zeigte. ›Wenn er schon Ihr‹ — er begann zu stottern — ›wenn er schon — Ihr — Ihr Geliebter ist — so brauchen Sie das nicht allen Menschen ins Gesicht zu schreien.‹

›Ich habe keine Ursache, mich oder mein Tun und Treiben zu verbergen, Herr von Reitzenstein.‹

›Aber warum mußte gerade er es sein?‹

Gerda lachte: ›Warum nicht Sie?‹

›Ja, warum nicht ich?‹

›Nun, ich will Ihnen etwas sagen, Herr von Reitzenstein, weil Sie gar so unglücklich aussehen, Herr Winkelmann ist nicht mein Geliebter.‹