Ich fand seinen Abschiedsbrief auf meinem Schreibtisch. Er bat mich um Verzeihung für das Leid, das er über mich bringe. Er hätte geglaubt, seine Liebe zu mir würde seine Spielleidenschaft verdrängen. Er habe auch wirklich das erste Jahr unserer Ehe keine Karten angerührt, aber dann sei es mit doppelter Macht über ihn gekommen, er könne nicht anders, er wüßte, daß er daran zugrunde gehen wird, aber seine Leidenschaft sei stärker als sein Wille. Er bereue es, mich an sich gekettet zu haben und mir Kummer bereiten zu müssen, aber seine Spielleidenschaft sei so groß, daß sie alles hinwegfege: Liebe, Ehrlichkeit und Rücksichtnahme.«

»Unerhört, bodenlos! Keine Rücksichtnahme, das ist es! Denkt nur an sich und seine Spielwut, ohne der Familie, der er durch seine Heirat angehört, zu gedenken. Wenn unser Vater nicht die veruntreuten Gelder gedeckt und alles getan hätte, um die Untersuchung niederzuschlagen, würde dein Mann, mein famoser Schwager, jetzt steckbrieflich verfolgt! Meine ganze Stellung wäre ins Wanken gekommen! Eine saubere Geschichte hat uns der Herr da eingebrockt!«

»Entsetzlich, entsetzlich!« hauchte Frau Thea, »wir hätten Berlin verlassen müssen.«

»Ich bitte, regt euch nicht auf. Die Geschichte ist ja nicht an die große Glocke gekommen, hier in Berlin weiß niemand davon. Die einzige Leidtragende bin doch nur ich.«

»Gott sei Dank, daß es uns nicht trifft. Ebba — ich hätte es nicht ertragen, einen solchen Skandal in der Familie! Gewiß, du bist beklagenswert, aber du hast recht, hier weiß ja niemand etwas von der ganzen Geschichte. Du bist jung, schön, hast dein gutes Auskommen, du wirst ein nettes Haus machen, und in kurzer Zeit bist du darüber hinweg. Das Berliner Leben wird dich trösten. Hier kommt man gar nicht zum Nachdenken. Meinst du nicht auch, Lukas? Wir werden Ebba in die Gesellschaft einführen, wer weiß, vielleicht findet sich das Vergessen noch gar in Gestalt einer guten Partie.«

»Ich danke dir für deine gute Absicht, Thea. Für eine sogenannte gute Heirat bin ich nicht zu haben, im übrigen vergißt du, daß ich nicht geschieden bin.«

»Das ist schlimm — sehr schlimm — wie soll man dich da überhaupt einführen? Nicht Witwe, nicht geschieden, und doch ohne Mann.«

»Du giltst selbstverständlich als geschiedene Frau, denn es unterliegt doch keinem Zweifel, daß wir alle Schritte tun werden, um eine Scheidung für dich zu erlangen,« warf der Direktor ein.

»Mir wäre es lieb, Lukas, die ganze Ehegeschichte ruhen zu lassen. Ich denke nicht daran, mich wieder zu verheiraten, da ist es doch ganz gleichgültig, ob ich frei bin oder nicht.«

»Da irrst du, liebes Kind, irrst du ganz gewaltig. Ganz entschieden protestiere ich dagegen, daß du die Frau dieses Lumpen bleibst! Wer kann wissen, was dieser saubere Herr noch alles auf dem Kerbholz hat — oder — was noch alles kommen kann! Urkundenfälschung — Falschspieler — und wie die schönen Dinge, in welche diese Art aalglatt hineinschlüpft, alle heißen. Ich danke für diese Verwandtschaft! Du mußt los, ganz los! Willst du die Frau eines Zuchthäuslers sein?« Aufgeregt ging er im Zimmer auf und ab.