Sie öffnete den Schreibtisch und nahm den Scheck zur Hand. In einer Stunde konnte das Geld an Winkelmanns Konto überwiesen sein.
›Ihr Freund, der Kommerzienrat Menders!‹ hörte sie die Leute sagen.
Sie sah seine blinzelnden Augen lüstern auf sich gerichtet, sah seine feuchten Lippen sich ihr nähern, fühlte seine tastenden Hände. — — Voller Ekel warf sie den Scheck in den Kasten zurück und verschloß ihn. —
Sie nahm die Zeitung zur Hand, wie konnte sie daran vergessen, heute mußten die Konzertkritiken darin stehen.
Sie fand ihren Namen und las. Auch das noch. Sie sprang auf und preßte die Hand an die pochenden Schläfen. Runtergerissen! Welche Mühe, welche Arbeit hatte sie aufgewandt, und nun dies! Noch nichts hätte sie erreicht! Weiterlernen — studieren — noch Jahre konnten vergehen, ehe sie eine fertige Künstlerin sein würde.
Man hatte ihr zugejubelt, und sie gefeiert, und nun kam da so ein Zeitungsschreiber und nannte sie eine Anfängerin mit mittelmäßiger Stimme.
Lächerlich! Wenn dem so wäre, so hätte sie diesen Beifall nicht gehabt! Aber sie wollte doch bis zu Ende lesen, was hatte er denn noch auszusetzen? So — deswegen der Beifall — ihre wundervolle, vornehme und aparte Erscheinung siegte über ihr Talent! ›Es ist ein Verbrechen des Publikums und der guten Freunde, wenn sie, bezaubert durch die Erscheinung, der Vortragenden einen Beifall zollen, der nicht ihren Leistungen, sondern ihrer Persönlichkeit gilt.‹ — So schrieb der Kritiker.
Gerda legte das Zeitungsblatt auf den Tisch und fuhr mit der flachen Hand darüber hin, als ob sie es glätten wollte.
War es wirklich nur ihre Schönheit, die wirkte?
Nicht ihre Stimme, ihre Kunst?