»Diesem Verein gehörst du an?«

»Ich bin sogar im Vorstand. Was willst du, man muß eine Rolle spielen in der Welt. Man muß von sich reden machen, so — oder so.«

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Nachdenklich schritt Ebba Holm die Tiergartenstraße entlang. Der Besuch bei ihrem Bruder hatte ihr kaum erst zur Ruhe gekommenes Innere wieder in Aufruhr gebracht. Bis zum Abendessen in der Pension hatte sie noch eine Stunde Zeit, und so hatte sie den kleinen Umweg durch den Tiergarten gewählt, um zum Steinplatz zu gelangen.

War es möglich?

Mein Gott, sie hatte sie gekannt, öfter war Lukas mit ihr in Hamburg gewesen, auch sie hatte auf der Hochzeitsreise einige Tage mit ihrem Gatten in Berlin zugebracht, niemals zuvor hatte sie diese Oberflächlichkeit bei Thea erkannt.

Sah sie heute die Menschen anders als damals, als sie noch mit ungebeugter Seele durchs Leben schritt?

Hatten die Menschen — oder hatte sie sich gewandelt? Um des Himmels willen, nicht Hausfrau sein! Nein — schöngeistigen Interessen nachgehen! Um eine Rolle zu spielen, sich einem Verein zur Verfügung stellen, der das Zusammenhalten der Familie predigte, um darüber die eigenen Familienbande zu lockern!

Ein schmerzliches Lächeln glitt über ihr Antlitz, und eine Bitterkeit drang ihr ins Herz.

Alles, alles, was sie entbehren mußte, hielt diese Frau in Händen! Mit vollen Händen hatte das Schicksal sie beschenkt, und achtlos warf sie das, was ihr als das höchste Glück einer Frau erschien, zur Seite. Eine moderne Frau! Eine Frau für alle andern, nur nicht für die eigene Familie! Das war ihres Bruders Frau.