»Vielleicht der Zufall der Geburt?«
»Man kann aussteigen unterwegs! Was hindert mich, aus der dritten Klasse in die erste überzugehen? Was hindert mich, mein Gepäck als Ballast zum Fenster hinauszuwerfen? Wer kann mir verbieten, Station zu machen, wo es mir beliebt? Zum Mitfahren aufzufordern, wer mir genehm ist? Wir müssen uns das Leben einrichten, wie es uns beliebt, wir haben ein Recht auf Genuß und Freude.«
»Und die Pflichten?«
»Überflüssiges Gepäck!«
»Von Ihnen kann man lernen,« gab ihr Lotte Wunsch zur Antwort, dann sich zu Gehring wendend: »Das ist auch eine Auffassung des Lebens.«
»Was wollen Sie? Gibt sie nicht eine Illustration unserer heutigen Gesellschaft? Sind nicht viele auf dem Wege, den sie gezeichnet? Pflichten! Wer denkt denn heute an die ihm auferlegten Pflichten? Viele sicher nicht. Ich finde, daß der größte Teil der Menschen nur seinen persönlichen Interessen nachgeht, daß das liebe Ich ganz in den Vordergrund gerückt ist und daß das Bewußtsein des Pflichtgefühls im Schwinden begriffen ist.«
»Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Gehring. Wer wie ich zwanzig Jahre hier mit offenen Augen gelebt hat, der weiß, wie es mit dem Pflichtgefühl und der Moral bestellt ist, weiß es nur zu gut. Aber ich wollte mich zwingen, anders zu sehen. Frau Holm hat mir den Vorwurf gemacht, daß ich zu skeptisch sei, ich sehe nur immer das Schlechte und Gemeine in dem Menschen und lasse das Gute nicht gelten. Ich wollte das, was Sie Illustration unserer heutigen Gesellschaft nannten, nicht wahr haben, nun kommen Sie und setzen mir gleich wieder die schwarze Brille auf.«
»Gnädige Frau,« sinnend sah der Architekt auf Ebba Holm. »Ich bin überzeugt, daß Fräulein Wunsch bei Ihnen nur das Gute sieht.«
»Wie könnte es anders sein,« sprach Lotte.
»Sie ersehen daraus, daß Fräulein Wunsch wohl zu unterscheiden vermag und daß schwarz ist, was sie schwarz sieht. Sie stehen dem Leben hier noch fremd gegenüber. Sie werden es anders finden, als Sie es sich vorgestellt, haben es vielleicht schon empfunden. Enttäuschungen stehen für jeden Menschen bereit, sie führen uns oft erst auf den richtigen Pfad. Sehen lernen ist für starke Naturen immer von Vorteil.«