»Ich weiß, es gibt« — und vor ihren Augen tauchte das Bild ihrer Schwägerin auf — »der arme Mann.«

»Sie sagen: der arme Mann! Ich kann die Männer nicht bedauern, denn sie selbst sind es, die dieses Mißverhältnis geschaffen. Vor der Ehe wollen sie die Frau als eine elegante, schicke, ich möchte beinah sagen pikante Dame, sonst gehen sie achtlos an ihr vorüber und — heiraten sie dann eine solche Dame, dann soll sie mit einem Male all dies hintenansetzen und nur im Kleinkram aufgehen.«

Gehring, welcher dem Gespräch gefolgt war, wandte sich an Gerda. »Gnädiges Fräulein, es ist wohl schwierig, einem Teil die Schuld beimessen zu wollen. Eine junge Dame, welche kein Interesse für den ›Kleinkram‹ — wie Sie es zu nennen belieben — hat, sollte eben nicht heiraten, und ein Mann, welcher eine Hausfrau und Mutter für seine Kinder wünscht, sollte vorsichtig sein in seiner Wahl. Glauben Sie mir, eine Frau kann eine gute Hausfrau sein, ohne dadurch ihre geistigen Interessen zu schädigen. Gerade weil sie geistig auf einer Höhe steht, wird sie verstehen, daß sie es ist, welche den Grundstein des Hauses in Händen hat, daß auf dem Fundament, auf welchem sie ihr Haus errichtet, das Wohlergehen und die Zukunft des Hauses beruhen.«

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Müde und abgespannt lag Gerda auf ihrem Lager und konnte den Schlaf nicht finden. ›Es ist ein bitterer Weg, Gnädigste, der Weg der Künstlerinnen — für die Art Ihrer Persönlichkeit doppelt schwer — Sie sollten anders sein.‹ Anders sein — das hieß: sich hinwegsetzen über Anstand und gute Erziehung — hieß Konzessionen machen dem Künstlertum. Nein, niemals — wie könnte sie bestehen vor Ihrer Familie und vor sich selbst. Sie wußte, was sie der Stellung ihres Vaters, ihrem Namen schuldig war.

Oh, sie kannte sie bereits, die krummen Wege, die auf zur Höhe führten. Die Studiengenossinnen hatten sie unterrichtet, hatten auch kein Hehl daraus gemacht, daß sie durchaus nicht abgeneigt, diese Wege zu wandeln, die Hände, die sich ihnen dort entgegenstrecken würden, um sie möglichst schnell zum Ruhm, zu Ehre und Verdienst zu führen; daß sie mit tausend Freuden bereit wären, diese Hände zu ergreifen. Ehre! Sie lachte verächtlich, was hatten die für einen Begriff von der Ehre! Wie sagte doch eine ihrer Kolleginnen! ›Was nutzt mir meine Ehre, wenn ich ewig am Boden kleben soll? Ich will auf zur Höhe, zur Höhe des Ruhms. Und hätte ich zehn Mädchenehren zu vergeben, ich würde sie alle hingeben, gelangte ich dadurch nach oben.‹ Nein — zu diesem Grundsatz würde sie sich nie bekennen — für sie gab es nur den geraden Weg. — Auch er mußte nach oben führen — zur Höhe des Ruhmes. Sie ließ sich nicht beirren. Und dennoch, lag nicht in diesen Worten eine gewisse Größe? War diese nicht bereit, ihrer Kunst alles zum Opfer zu bringen, alles — wenn es sich um die Kunst handelte? Gehörte nicht zum Künstlertum ein Hinwegsetzen über vieles? Sie selbst, hatte sie nicht ihrer Kunst schon Konzessionen machen müssen? Der leichte Ton der Kollegen und Kolleginnen, war es ihr nicht schwer, sehr schwer geworden, sich daran zu gewöhnen? Sie, die wohl gehütete Tochter aus vornehmem Hause, allein in der großen Stadt, war allen möglichen Nachstellungen ausgesetzt. Lebte sie nicht schon in einem ganz anderen Kreis, war sie sich nicht anfangs deplaciert vorgekommen? Waren dies nicht alles schon Opfer, welche sie ihrem Künstlertum gebracht hatte? Kleine Opfer — würde sie zurückschrecken vor größeren?

Nein — mit weißem Kleide wollte sie oben stehen, auf lichter Höhe, auch nicht der Saum ihres Kleides sollte besudelt werden, rein vor der Welt, rein vor sich selbst wollte sie ihr Ziel erreichen — sonst war es wertlos für sie, es erreicht zu haben.

Sie schloß die Augen. Und Traumbilder umgaukelten sie.

Sie sah sich auf lichter Wolke stehen, im schneeigen Gewande. Mit ausgebreiteten Armen, auf dem Haupt ein funkelndes Diadem, dem Ziele ihrer Sehnsucht entgegenschwebend. Dunkle Wolken kamen ihr entgegen und hinderten sie, ihren Weg fortzusetzen. Sie strebte vorwärts, umsonst — Schattenhände streckten sich ihr entgegen — drohten und forderten — da löste sie einen Stein aus dem Diadem, das sie auf dem Haupte trug, warf ihn ihnen zu — und ein Stück des Weges schwebte sie voran. Doch immer wieder vertraten ihr dunkle Schatten den Weg. Stein um Stein der funkelnden Strahlenkrone brachte sie zum Opfer, und noch nicht war sie am Ende ihres Weges. Den Saum ihres Kleides hatte sie emporgerafft, in Reinheit hatte sie ihn bewahrt, aber die Strahlenkrone war ihr vom Haupt gesunken, nun hatte sie zu opfern nichts mehr.

Da traf sie an eine Biegung ihres Weges, und als sie sich wendete, lag das Ziel ihr greifbar vor den Augen. In schimmernder Pracht lag er vor ihr, der Thron, welchen die Menschheit der Kunst errichtet hatte. Gold und Juwelen funkelten ihr entgegen, purpurne Rosenblüten bedeckten den Boden, Lorbeergewinde bildeten den Hintergrund. Jubelnd und jauchzend setzte sie den Fuß auf die Stufe, welche hinaufführte. Da packte eine rauhe Hand den Saum ihres Kleides und höhnte ihr entgegen: Da hinauf im weißen Kleide? Gib her das Kleid. Hier dies güldene Gewand soll deine Glieder decken, und die Hand riß und zerrte an ihrem Kleide. Sie wehrte sich und schrie: In meinem Kleide bleibe ich und schreite dort hinauf, genug der Opfer schon brachte ich dar, mir blieb nichts als dieses Gewand, nehmt ihr mir auch dies, so verliere ich mich selbst! Und ihr Fuß versuchte die zweite Stufe zu erreichen. Da wich sie zurück, denn drohend wuchs ein Schatten ihr entgegen, aus welchem Blicke ihr entgegenfunkelten, die sie beschmutzten. ›Nicht hinauf, wenn du nicht imstande bist, dich selbst als letztes Opfer darzubringen. Ich stehe zwischen dir und diesem Thron.‹