»Ich glaube, Sie sind grausam, Lotte! Sie hatten sich Idealmenschen geschaffen, und da Sie enttäuscht wurden, sind Sie hart geworden.«

Lotte lachte bitter auf: »Ist das nicht grausam, die Seele eines jungen Mädchens in den Schmutz zu treten, ihren Körper zur Erfüllung niederer Begierden zu begehren? Meinen Sie, daß es mir allein so gegangen? Grausam hat man mir den Altar der Liebe besudelt, ich will ihn wieder rein waschen, indem ich meine Stimme erhebe und anklage.«

»Und glauben Sie die Menschen bessern zu können, indem Sie ihnen einen Spiegel vorhalten?«

»Nein, dazu bin ich wohl nicht berufen — aber mich — meine Seele will ich von ihrem Druck befreien.

Ich habe einen großen Abscheu kennen gelernt vor der Liebe — ich habe gelacht und geweint in bitterem Weh — und doch — man hat nur ein einziges Leben zur Verfügung — das ist kein Leben ohne Liebe — ich will leben, das ist mein Recht!«

»Ich glaubte immer, Frauen Ihrer Art finden ihre Befriedigung in ihrem Beruf, sind voll ausgefüllt vom Leben. Es erstaunt mich, Sie so sprechen zu hören.«

»Glauben Sie doch das nicht! Eine Frau, welche behauptet, einzig und allein durch ihren Beruf Befriedigung zu finden, welche das Bedürfnis nach Liebe ableugnet, ist nicht ehrlich. Wir Frauen, wenn wir echte Frauen sind, können nur das Glück durch die Liebe erfahren, alles übrige ist nichts, ist nur Betäubung unseres ungestillten Verlangens. Unsere Kunst, unsere Arbeit, das alles ist nichts, das wahre Glück bringt uns erst die Erfüllung unserer Sehnsucht, das Stillen unseres flammenden liebeglühenden Herzens.«

»Und die freie Liebe? Lassen Sie auch diese gelten?«

»Unbedingt, sobald sie nicht niedrigen Begierden entspringt. Ich habe soviel gesehen in meinem Leben, daß ich gelernt habe, jedes gewaltige Gefühl als ein natürliches Recht anzusehen.«

»Ich glaube, daß Sie recht haben, ich halte das Leben einer Frau für verfehlt, wenn sie ohne Liebe durchs Leben gegangen, trotz all des Leids, welches die Liebe für uns im Gefolge hat.«