»Was wollen Sie! Diese kleinen Opfer werden Ihnen hundertfach belohnt, wenn Sie dort oben stehen, umrauscht und umjubelt. Also schlagen Sie ein und verfügen Sie über mich.« — —
Sie hatte ihm die Hand gegeben, und sie hatten sich an der Tür der Pension verabschiedet voneinander, und als sie auf ihrem Zimmer angelangt, da hatte sie den Muff auf einen Sessel geworfen, die Handschuhe abgestreift und in die Ecke geschleudert, hatte schluchzend die Hände vor das Gesicht geschlagen und geweint. — Was sollte das alles? Konnte sie nicht allein ihren Weg finden? Sie, Gerda von Wangenheim, sollte buhlen um die Gunst der Menschen?
Warum hatte sie geweint? Mußte sie sich nicht freuen der angebotenen Hilfe, wollte er nicht die Steine zusammentragen, um den Thron zu errichten, auf welchen sie hinaufstrebte?
Sie empfand sein Anerbieten als eine Beleidigung, es lag etwas darunter verborgen, das fühlte sie. Die Gedanken dieses Mannes waren nicht rein, das Tasten seiner Blicke empfand sie als einen körperlichen Schmerz.
Wo waren die Rosen, daß sie sie unter die Füße trat?
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Ebba probierte die Wirkung einer bronzenen Vase, welche, gefüllt mit herrlichem blaßlila Flieder, ihr von ihrer Schwägerin heute übersandt worden war. Sie besaß nun ihr Heim, nach welchem sie sich gesehnt hatte. Ein Gefühl wohligen Behagens empfing sie. Sie stellte den Fliederstrauß auf ihren Schreibtisch, trat zurück und prüfte die Wirkung. Wundervoll hoben sich die zarten Blüten gegen den tiefblauen Ton der Tapete. Sie war zufrieden. Aber dort, der hellrote Tulpenstrauß, er tat ihren Augen weh. Sie haßte grelle Farben. Sie konnte sie nur vorübergehend ertragen. Beim Umherschweifen ihrer Blicke freute sie sich wohl oft eines hellfarbenen, freudigen Tones, er brachte Abwechselung in gedämpfte Farben, die sie bevorzugte, aber lange war es ihr nicht möglich, darauf zu verweilen, er machte sie unruhig. Um sie herum mußten weiche, satte Töne sein. Sie trug den Rosenstrauß in den Vorflur, setzte ihn dort auf das kleine weißlackierte Tischchen, neben welchem die weißen, mit dunkellila Leinen bespannten Sessel zum Sitzen einluden. So, hier paßte er hin, die satte lila Farbe dämpfte das leuchtende Rot. Sie trat in ihr Arbeitszimmer zurück, rückte hier noch an einem Sessel, gab einer Bronze noch einen andern Platz und schritt in das anstoßende Speisezimmer, um selbst den Abendtisch zu arrangieren. Es war eigentlich noch zu früh dazu, aber was machte es, sie freute sich so sehr, tätig sein zu können, es machte ihr Spaß, ihre Schätze auskramen und die Wirkung des Geschirrs auf dem feinen Damast zu probieren. Ob wohl jene Gläser sich besser machen würden unter dem gelben Scheine des Seidenschirms, welcher über dem runden Tisch leuchtete? Oder ob sie die matt bernsteinfarbenen nahm? Welches Blumenarrangement sollte sie für die Mitte wählen? Sie war reichlich mit Blumen bedacht. Sträuße und ganze Körbe hatte man ihr als Glücksspende für die neue Wohnung ins Haus gesandt. Sie brauchte nur die Wahl zu treffen. Hier dieses Arrangement, es war zu prunkvoll, paßte nicht für die intime kleine Feier, erwartete sie doch nur zwei Gäste, Lotte Wunsch und Gerda von Wangenheim. Ihre Hand griff nach einem Strauß dunkelroter Rosen, sie setzte ihn auf den Tisch. Sie empfand ihn als zu glutvoll unter der starken Beleuchtung. Die dunkelrote Pracht schien ihr intensiver, duftender, wenn sie abgedämpft. Sie brachte einen feinen venezianischen Kelch, in welchem mattrosa japanische Blüten steckten, in die Mitte des Tisches, und die Blüten behaupteten ihren Platz.
Die Uhr im Speisezimmer schlug mit tiefen, dunklen Tönen sieben Uhr. Nun hatte sie noch eine Stunde Zeit. Sie wollte dem Mädchen in der Küche ein wenig behilflich sein, ihr zeigen, wie sie das Anrichten der Schüsseln liebte. Wenn sie dem Mädchen auch selbständiges Arbeiten zutrauen konnte, so war es für sie doch Bedürfnis, daß in ihrem Haushalt in allem ihren eigenen Wünschen entsprochen wurde. Die persönliche Note liebte sie nicht nur in ihrer Kleidung, in dem Arrangement der Möbel und Blumen, auch bis hinein in das Küchenreich wünschte sie damit zu dringen. Als sie eben die Küche betreten, sich eine große Wirtschaftsschürze vorgebunden, klingelte es.
Ihr Bruder, der Bankdirektor Westphal, wünschte sie zu sprechen.
»Lukas, du kommst zu mir, beraubst dich deiner Zeit?«