»Du hast recht, dich zu wundern. Möchte ich doch selbst darüber erstaunen, daß ich Zeit finde, mich mit der Angelegenheit anderer zu beschäftigen.«

»Sage mir nur, warum bringst du eine solche Unruhe in dein Leben? Du hast dein gutes Auskommen, hast deine Stellung, hast erreicht, was dir wünschenswert erschien, ich sollte meinen, du könntest dir wirklich ein wenig Ruhe gönnen.«

»Du hast ja recht, Ebba — aber du kennst eben den modernen Großstadtmenschen nicht, dem ist keine Ruhe vergönnt. Ruhe ist Stillstand, und Stillstand ist Rückschritt.«

»Ich bitte dich, es muß doch einen Ruhepunkt geben im Leben eines jeden. Jeder sollte sich doch der Früchte freuen, die er gesäet hat.«

»Dazu haben wir keine Zeit.«

»Also über dem ewigen Vorwärtsstreben kommt ihr nicht zum Genuß dessen, was ihr erreicht habt. Es ist dies etwas Ungesundes, etwas Krankhaftes. Ich kann nicht glauben, daß sich ein jeder sein Leben so zimmert. Was zum Beispiel treibt dich immer wieder, immer mehr zu erraffen, warum genügt dir das Erworbene nicht? Warum überbürdest du dich mit Direktionsposten, bist Aufsichtsrat mehrerer Gesellschaften, gönnst dir Tag und Nacht keine Ruhe, erkläre mir das. Warum?«

»Kind, das ist schwer zu erklären. Wenn ich offen sein soll, so muß ich dir gestehen, daß mir das alles selbst nie zum Bewußtsein gekommen ist. Erst jetzt, als du und mit dir unsere schöne ruhige Jugendzeit mir wieder vor Augen trat, sah ich, daß ich niemals zum Atemschöpfen gekommen bin. Warum? Wieso? Es ist hier nun einmal so der Kurs. Man steuert hinein und merkt es kaum, in welches Eilzugtempo man gekommen ist. Verschnaufen, aussteigen, das gibt es nicht, dann nimmt ein anderer deinen Platz ein, und du kannst sehen, wo du bleibst. Das Leben kostet viel, sehr viel, wenn man eine elegante Frau hat, die Ansprüche an einen stellt. Man versteht eben heute nicht mehr anspruchslos zu sein. Die gesteigerte Kultur der großen Städte ist ein Moloch, dem wir alle anheim fallen. Ich muß arbeiten, um das alles aufbringen zu können, viel arbeiten.« Und seinen Mund umspielte ein zerstreutes müdes Lächeln.

»Und Thea? Kann sie es mit ansehen, daß du dich aufreibst bei diesem Leben?«

»Meinst du wirklich, daß sie das sieht? Das alte Wort, daß Mann und Frau eins sein sollen, hat für uns keine Bedeutung. Unsere Wege haben sich schon seit langem getrennt.

Nein, sie weiß nichts von mir. Niemals fragt sie nach meinen innerlichen Gedanken, nach dem, was mein Inneres bewegt. Wir sind einander tatsächlich Fremde. Sie weiß nicht einmal von jenem Verständnis, mit welchem das Weib die Erde dem Manne zum Paradiese machen kann.«