Ebba war zurückgekommen und stand vor dem hinter ihr wieder zurückfallenden Vorhang. Das dunkle Haar, welches locker zurückgekämmt, ließ die klare weiße Stirn, auf welcher zwei Falten eingegraben waren, die sie älter erscheinen ließen, frei. Das Dunkel der Haare verschwamm mit dem Dunkel des Sammets. Das veilchenfarbene Tuchkleid fiel in langen Falten herab und bedeckte ihre Füße, wie es bei einem Marmorbild zu sein pflegt. Die Handgelenke umschlossen die eng anliegenden Ärmel. Das Kleid hatte keinen Ausschnitt, sondern war bis zum Halse herauf geschlossen. Ihre in die Falten greifende Hand und ihr weißes Gesicht wirkten plastisch, wirkten als verkörperte Ruhe.
»Sie verstehen es, sich ein Heim zu schaffen und gemütlich zu machen, Frau Holm, jetzt begreife ich Ihre Sehnsucht nach ureigener Umgebung.« Gerda war zu ihr getreten. Ebba zog Gerdas Arm durch den ihren, und beide betraten zusammen das Speisezimmer, während Lotte ihnen folgte. »Ich muß gestehen, ich wäre nicht imstande, mir eine so stilvolle Umgebung zu schaffen, ich habe gar keinen Sinn dafür, ich lebe einzig und allein meiner Kunst.«
»Ich meine, andere glücklich machen ist auch eine Kunst, und das ist das Bereich von Ebba Holm,« erwiderte Lotte.
Ebba lächelte traurig. »Und fand doch nicht Verständnis bei dem einen —«
»Lassen Sie es gut sein, Verständnislose wird es immer geben, das darf Sie nicht mutlos machen. Bewahren Sie sich den Glauben an das Gute im Menschen, erhalten Sie sich Ihre Ideale. Uns modernen Großstadtmenschen sind die Ideale im Kampf des Lebens erstickt worden. Die Gebote der Nächstenliebe werden mit Füßen getreten. Kein Mensch kennt heutzutage mehr als seine eigenen Interessen. Jeder erfüllt nur die Wünsche seines eigenen Selbst. Wir leben im Zeitalter des Egoismus, des Ich-Kultus. Bleiben Sie der ruhende Pol, der den Glauben an die Menschheit nicht verliert.«
»An meinem Wollen soll es nicht mangeln, aber die Erfahrungen, die uns das Leben bringt! Sie selbst, sind Sie nicht mit geschwellten Segeln hinausgezogen, und waren Sie es nicht gerade, welche meinen Glauben zerstören wollte?«
»Ebba, gerade Sie sind es ja, welche den Glauben an die Menschheit wieder in mir erweckt hat, Sie haben einen Zwiespalt in mir geschaffen. Es kann so schlecht doch nicht um die Menschen beschaffen sein, wenn man Geschöpfen, wie Sie es sind, begegnet.«
»Sie werden überschwänglich, Lotte, aber daß Ihnen das Vertrauen zu den Menschen wiedergekehrt ist, das freut mich herzlich. Doch nun lassen Sie uns bitte von etwas anderem sprechen, bis jetzt ist in unverantwortlicher Weise von mir die Rede gewesen, als Hausfrau muß ich energisch dagegen Einspruch erheben. Schnell, erzählen Sie mir etwas aus der Pension. Was gibt es Neues dort, Fräulein von Wangenheim?«
»Die neueste Attraktion ist ein bleicher, griechischer Jüngling mit großen melancholischen Augen, sämtliche jungen Damen huldigen ihm. Er selbst scheint sich noch nicht schlüssig zu sein, welcher er die Gnade seiner Gunst zuteil werden lassen soll.«
»Und Miß Webb ist wieder auf einer neuen Station angelangt, Baron Reitzenstein, mit welchem sie eine kleine Strecke im Luxuszug zu fahren beliebte, ist zum Aussteigen aufgefordert, und Graf Wietersheim ist eingestiegen,« sprach Lotte.