Und sich setzend, zog sie Inge auf den nebenstehenden Sessel hernieder. »Du weißt, ich bin fremd hier. Ich will nicht nur die Stadt, ich will auch die Menschen, ihre Art und ihr Wesen kennen lernen. So ein junges Mädchen von heut ist doch beneidenswert. Wieviel Gelegenheit hat sie, sich auszubilden, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und einen Beruf zu ergreifen; ihr jungen Großstadtkinder sitzt an der Quelle, braucht nur zuzugreifen, alle Wege stehen bereit. Als ich so alt war wie du, war es noch anders, da waren uns noch die Hände gebunden.«

»Da führte man euch noch am Gängelbande und beschnitt euch die Flügel,« fiel Inge ein. »Ein Glück, daß ich später auf die Welt gekommen bin. Heute fangen doch die Eltern an, vernünftig zu werden und sehen ein, daß auch wir ein Recht auf Freiheit haben und daß man auch schon bei der Jugend mit Charakterveranlagungen zu rechnen hat.«

»So — und welches ist denn nun deine Charakterveranlagung, wenn ich fragen darf?«

Inge sah sie nachdenklich an.

»Du scheinst doch ernsthaft darüber nachgedacht zu haben, folglich mußt du auch über dich selbst im klaren sein.«

»Bin ich auch, und es macht mir auch gar nichts aus, dir meine Veranlagung zu gestehen, denn schließlich ist man ja nicht verantwortlich dafür.«

»Du machst mich aber wirklich neugierig, es scheint ja etwas ganz Gefährliches zu sein.«

»Ich bin veranlagt, Verbrechen zu begehen.«

Ebba lachte hell auf.

»Du lachst. Wenn du wüßtest, wie nahe ich daran war, eine Mörderin zu werden, zweimal, Tante Ebba. Das erstemal war ich neun Jahre alt. Es war in der Schule, wir hatten einen Streit bekommen und schrien aufeinander ein, ich überschrie sie alle, denn ich war im Recht. Unsere Klassenälteste war die einzige, welche sich an unserm Streit nicht beteiligte. Sie stand mir gegenüber und sah mich ruhig an. Plötzlich schnitt sie mir eine höhnende Grimasse und schrie mir zu: ›Pfui, siehst du häßlich aus.‹ Da stürzte ich voller Wut auf sie zu, packte sie an der Kehle und würgte sie, bis ihr der Atem ausging. Wäre die Lehrerin nicht auf das Geschrei der anderen herbeigestürzt, so hätte ich sie erwürgt. Und dann das zweitemal, das war noch viel schlimmer. Da, da wollte ich meine Mutter vergiften.«