Ebba fuhr auf.
»Ja, nun bekommst du doch einen Schreck. Es ist noch gar nicht lange her, vielleicht drei Monate. Ich verliebte mich in einen Oberleutnant, einen himmlischen Menschen, eigentlich ein bißchen zu alt für mich, aber wie es eben trifft, gegen die Liebe kann man nicht an. Er merkte, daß ich in ihn verschossen war, und begann mir Blicke zuzuwerfen, Blicke — ich sage dir, die Augen — ich war ganz futsch. Eines Tages, als ich wieder auf dem Wege war, um ihm zu begegnen — denn ich kannte genau die Stunde seines Ausganges, wenn er mit seinem Freund auf den Bummel ging — was sehe ich da? Meine Mutter mit ›ihm‹ Aug’ in Auge zärtliche Blicke austauschen. Ich stand dicht neben ihnen, sie sahen mich nicht, ich wollte vorstürzen und ihnen entgegenrufen: ›Hier steht die große Tochter‹, ich tat es nicht, denn mein Herz krampfte sich zusammen, und ich konnte keinen Laut hervorbringen. Als ich wieder atmen konnte, waren sie verschwunden. Zu Haus angelangt, nahm ich die Schwefelholzschachtel und schnitt von allen Hölzchen die Köpfe ab, verwahrte sie sorgfältig und tat sie andern Tags der Mutter in den Morgenkaffee und wartete auf ihren Tod. Ich weiß nicht, ob sie den Kaffee getrunken hat, sie starb nicht, du weißt es.«
»Pfui, du hast eine häßliche Seele und bist ein böses Kind.« Empörten Blickes maß Ebba die junge Gestalt. »Schämst du dich nicht?«
»Warum? Kann ich dafür? Damals tat es mir leid, es ist wahr, ich hatte das Gefühl, schlecht und böse gehandelt zu haben. Aber dann las ich über die Veranlagung zum Bösen, daß der Mensch gar nicht schlecht handeln könne, wenn er nicht die Veranlagung dazu in sich trüge. Ich habe zweimal ein Verbrechen begehen wollen — da ich es wollen konnte — lag der Keim in mir — ich war nicht schuld, sondern der, der das Wollen in mich gelegt, trägt die Verantwortung.«
Ebba sprang auf. »Du hast ja nette Ideen in dich aufgenommen. Ich hätte dich doch für verständiger gehalten. Was schwatzest du für einen Unsinn zusammen. Wie ein jeder Mensch die Keime des Bösen in sich trägt, ebenso birgt er auch das Gute in sich. Den Menschen ist die Fähigkeit gegeben, das Böse zu bekämpfen, das Gute zu fördern. Je mehr das Gute überwiegt, desto höher steht der Mensch. Veranlagung nennst du, was verletzte Eitelkeit, was unbeherrschte Wut und Eifersucht ist. Nicht deine kindische Ansicht über deine Charakterveranlagung empört mich, nein, daß du in so unehrerbietiger Weise von deiner Mutter sprichst, das ist es, was mich zornig macht. Wie darfst du das wagen?«
»Ich verstehe dich nicht, Tante, was habe ich denn gesagt? Daß Mama mit dem Oberleutnant geflirtet hat? Mein Gott, du mußt mich doch nicht für so dumm halten, daß ich das nicht merken sollte. Oder glaubst du etwa, es sei nicht wahr?
Tante Ebba, ich glaube, du bist ganz anders als die anderen alle. Du — du findest es wohl schrecklich, wenn man einen Freund hat? Sieh mal, Papa hat doch nie Zeit —«
»Um Gottes willen sei still, schweig, ich kann dich nicht anhören —« Und Ebba preßte die schlanken Hände gegen die Schläfen und stöhnte qualvoll — »wie furchtbar, welch Abgrund.«
»Aber, Tante Ebba, wir sind doch moderne Menschen, wir wissen, daß ein jeder das Recht hat auf Persönlichkeit, daß wir der Veranlagung Rechnung tragen müssen.«
»So höre endlich auf mit deinem dummen Geschwätz. Du hast dir das Hirn angefüllt mit Ideen, die für dich noch unverdaulich sind, du sprichst über Dinge, die — doch wie kann ich dir Vorwürfe machen, nicht du trägst die Schuld — Inge, ich kann es nicht glauben, daß du verdorben bist, es kann nicht sein, bist du doch das Kind meines Bruders. Ich will dir etwas sagen, Inge, komm oft zu mir, besuche mich und erzähle mir all deine Leiden und Freuden, auch von deinen — Liebschaften kannst du mir sprechen, ich werde dir keine Vorwürfe machen, nein, wahrlich nicht, denke, ich sei deine ältere Freundin, ich will versuchen, mich in deinen Gedanken zurechtzufinden, ich will lernen, ›modern‹, wie du es nanntest, zu denken, vielleicht finden wir uns zusammen. Ich habe meinen Bruder, deinen Vater, sehr geliebt und möchte ein Teilchen dieser Liebe auf seine Tochter übertragen. Willst du mir nicht helfen, Inge?«