»Du kannst mich ja so nach und nach an alles ›Moderne‹ gewöhnen, vielleicht werde ich noch moderner als du und erwache eines Morgens als Übermensch — das ist ja wohl auch so ein Schlagwort?«
»Längst abgetan, Tante. Wir ganz Modernen wollen gar nicht Übermensch sein, im Gegenteil, wir wollen unsere kleinen Sünden und Schwächen haben, das ›Über‹ verpflichtet zu Stärke, das ist uns zu schwierig.«
»Ah, jetzt fange ich an zu verstehen, wie ihr denkt, und ich möchte dir einen Vorschlag machen. Ich will es versuchen, dich zur Stärke, zur Überwindung deiner Schwächen zu bringen, und du versuchst es, mich wankend zu machen und mich zu den Modernen hinüberzuziehen, wir wollen kämpfen, kämpfen mit offenem Visier, du siehst, ich bin ehrlich; nimmst du den Kampf an, Inge?«
»Ja, Tante Ebba, ich nehme an. Du bist doch ein famoser Mensch, und du gefällst mir, trotzdem du unmodern bist. Noch nie hat Mama oder eine von den andern Müttern so mit mir gesprochen, immer tun sie, als ob wir Kinder wären, und wissen ganz genau, daß wir es nicht sind, nicht sein können. Sie sind nicht ehrlich, nicht offen zu uns. Du kommst und nimmst mich so, wie du mich findest. Du siehst mich als Kind und schiltst mich aus, du siehst mich als denkenden Menschen und sprichst mit mir, wie du mit einem Erwachsenen sprichst, glaube mir, ich bin kein Kind mehr, und ich weiß genau, was ich will, du wirst sehen, ich bleibe fest und verteidige meine Ansichten. Ich freue mich jetzt ordentlich darauf, mit dir zu kämpfen. Eigentlich habe ich mich immer danach gesehnt, mich mit jemand aussprechen zu können. Ich habe wohl meine Freundin Blanka, aber die findet immer alles richtig, was ich sage, und das ist langweilig. Ich brauche sogar jemand, der mir widerspricht, das ist doch viel interessanter, Widerspruch reizt mich und bestärkt mich erst recht in meinem Willen.«
»Nun, habe ich es dir nicht gleich gesagt, daß wir uns schon zusammenfinden werden? Ich glaube, in deinem jungen Herzen ist doch ein Stückchen von der Liebe geborgen, die mein Bruder für mich hegte, und das will ich mir ausgraben, du böses ganz modernes Mädchen du.«
»Ach, Tante, sentimental ist nicht modern.«
»Ich bin ja auch noch nicht modern, ich will es ja erst werden.«
»Ich weiß eigentlich nicht — du — ich komme bald zu dir, kann ich auch mal Blanka mitbringen?«
»Gewiß kannst du das, aber nicht das erstemal, ein bißchen müssen wir uns noch allein aussprechen, und nun bestelle deiner Mutter viele Grüße und sage ihr, daß ich mich recht gut mit ihrer Tochter unterhalten habe.« — — —