Dieses also, dem Sumpf der Großstadt zuschwebende Geschöpf war ihre Nichte, die Tochter ihres Bruders! War es möglich, sie noch zurückzuhalten? Oder war es vielleicht schon zu spät?
Ebba schauderte.
Hatten der Vater, die Mutter jemals in die Seele ihres Kindes geschaut?
Die Mutter, welche ihr Leben genoß, die sich ledig wähnte ihrer Mutter- und Erzieherpflichten, weil ihr im Kultus ihrer Begehrlichkeiten keine Zeit für die eigene Familie übrigblieb? Oder der Vater, welcher im Herbeischaffen des harten, kalten Geldes vergaß, den Seinen Wärme und Liebe zu spenden? Der zu schwach war, die Zügel zu ergreifen, um ein strenges Regiment zu führen?
Du, Lukas, bist der Schuldige. An dir war es, deinem Weibe Einhalt zu gebieten auf dem Wege, den sie betreten. Du hast sie zur Mutter gemacht, du mußtest auch darauf achten, daß sie ihre Mutterpflichten ausübte.
Arme verwilderte Seele! Wo war die Hand, die dich geleiten sollte? Wo das Mutterherz, das dich liebevoll behütete vor Schlacken und Schmutz, die dein junges Gemüt vergiften mußten?
Unbehütet, ungeleitet griffen deine jungen Hände nach leuchtenden Blüten, nach schillerndem Kraut, welches dir entgegenwucherte. Wahllos fülltest du deine Hände, ohne zu wissen, daß Gift aus den Blüten drang, daß Unkraut deine Hände füllte. Denn dein Weg war voll davon, da der Gärtner, pflichtvergessen, nicht gejätet hatte.
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»Weißt du, Tante Ebba, ich habe Papa einmal zu Weihnachten einen Spruch geschenkt: ›Mag draußen die Welt auch ihr Wesen treiben, mein Heim soll meine Ruhestatt bleiben.‹ — Den Spruch, auf schönem Holzbrett gezeichnet, habe ich gekauft und dann fein säuberlich die Buchstaben ausgepinselt. Ich hatte nicht über den Sinn der Worte nachgedacht. Ich fand nur das Brett sehr hübsch aussehend und war sehr ärgerlich, daß Papa, statt es aufzuhängen, es seufzend in seinen Schreibtisch schloß, ich habe nie mehr daran gedacht. Aber heut, hier bei dir kommt mir die Erinnerung an diesen Spruch, und ich verstehe, warum Papa ihn in seine Schublade getan. Tante Ebba, wir haben wohl ein Zuhause, aber wir haben kein Heim.«
»Wie meinst du das, Inge?«