»Daß es bei uns keine Ruhe, keine Gemütlichkeit gibt. Glaubst du denn, daß es möglich sei, mit den Eltern auch nur eine halbe Stunde allein zusammen zu sitzen und zu plaudern? Ausgeschlossen! Entweder es ist Besuch da, oder es klingelt das Telephon, oder Papa, der sich kaum gesetzt hat, springt auf: ›Kinder, ich hab’ ja keine Zeit, mein Gott, ich hätte ja beinah meine Konferenz vergessen.‹ Ich habe das ja alles gar nicht empfunden, aber jetzt, seit ich dich besuche — ach, Tante Ebba, ich wünschte, du wärest nicht zu uns gekommen!«
»Kommst du gern zu mir?«
»In acht Tagen ist es heute das dritte Mal, daß ich bei dir bin, da bedarf es wohl keiner Antwort. Aber ich komme jetzt nicht sobald wieder — nein, ich will nicht.«
»Und warum nicht?«
»Weil — nun ja — weil du etwas in mir erweckt hast — etwas, nach dem ich mich sehne und das ich doch nicht haben kann — und auch nicht haben will — nein, wir sind eben moderne Menschen und brauchen keine Liebe — Gefühlsduselei is Blech —«
Ärgerlich setzte sie ihre Kaffeetasse nieder, griff nach einem Stück Kirschkuchen und häufte sich einen Berg Schlagsahne auf ihren Teller. »Is auch so ’n Lockmittel von dir, Kirschtorte und Schlagsahne. Könnte ich mich tatsächlich totessen. Is schon das vierte Stück, wenn Mama übrigens wüßte, daß ich hier so oft herausflitze, die würde sich wundern.«
»So hast du nicht davon gesprochen, daß du bei mir gewesen bist?«
»Als ich das erstemal hier war, habe ich es erzählt und auch pflichtschuldigst deine Grüße bestellt. Aber sie hörte gar nicht hin. Sie hatte sich gerade in ihrem Klub geärgert, war wieder mal große Uneinigkeit zwischen den Vorstandsdamen, und das müssen wir dann ausbaden. Papa aber freute sich und sagte, ich solle recht oft zu dir gehen.«
»So kümmert sich deine Mutter gar nicht um deine Ausgänge?«
»I bewahre! Dazu hat sie gar keine Zeit. Ist auch sehr klug von ihr, denn ich ließe mich doch nicht kontrollieren. Du vergißt immer, Tante, daß die moderne Erziehung der Jugend die Freiheit nicht beschneidet. Wir sollen lernen, für uns selbst einzustehen.«