Hastig lief sie aus dem Zimmer, um sogleich wieder mit einem in feuchtes Zeitungspapier eingewickelten Gegenstand zurückzukehren.
»Du schaust verwundert. Ja, vertrauenerweckend sieht das ja nun gerade nicht aus. Zum Unglück ist das Papier auch noch feucht geworden, und die ganze Chose wird wohl ziemlich feucht geworden sein.«
»Das tut nichts, Inge. Wenn nur der Inhalt nicht verdorben ist.«
Inge sah übermütig zur Tante empor. »Ich hab’ ein bißchen Angst, es fühlt sich ganz weich an und war doch ganz hart. Und weißt du, es war auch gar nicht meine Absicht, es dir zu schenken. Es kam ganz zufällig. An der Potsdamer Brücke brüllt mich so ’n kleiner Knirps an: ›Freileinchen, koofen Se mir mein letztes Herz ab, tun Se’s doch, denn kann ick bei Muttan jehn, sehn Se, so scheen rot, und een Herz kann doch jeder brauchen und bloß zehn Fennje.‹
»Na, du weißt ja, für Herzen habe ich nun gerade nichts übrig, aber der arme Bengel tat mir leid, und das Herz leuchtete mir so herrlich entgegen, und ich dachte, wenn ich auch keins gebrauche, so könnte ich es dir doch mitbringen. Ich zog also meine Börse und gab dem Jungen fünfzig Pfennig dafür. Der Mund blieb ihm vor Staunen offen stehen, seine Stupsnase ragte in die Luft, dann stieß er ein Indianergeheul aus, drückte mir das eingewickelte Herz in die Hand, schwenkte seinen Korb und lief wie besessen davon.«
Inge hatte das nasse Papier entfernt und hielt in ihren Händen ein mit rotem Zucker übergossenes Herz, auf dem die schönen Worte prangten: Ich liebe dich.
»Willst du es haben, Tante Ebba? Aber sieh, es ist wirklich ganz weich geworden, ich glaube, wir müssen es erst trocknen, damit es sich wieder verhärtet.«
Lächelnd nahm Ebba das Herz und legte es behutsam auf einen Bogen Seidenpapier. »Unter meinen Händen soll es sich wieder härten, bliebe es bei dir und hätte keine Pflege, würde es sich ganz verhärten, könnte Risse und scharfe Kanten bekommen, so daß es Gefahr liefe, in Stücke zu springen. Ich will es hüten und pflegen, wenn du es mir lassen willst.«
»Natürlich will ich es dir lassen, denn ich — ich weiß ja doch nichts damit anzufangen.« Und lachend wirbelte sie Ebba im Zimmer umher, dann plötzlich einhaltend: »Nun aber setzen wir uns ganz still unter den Baum und schauen in den Kerzenschimmer.«
Lange saßen sie schweigend Hand in Hand, dann flüsterten die jungen Lippen: »Wenn du meine Mutter wärest!«