»Das schon. Gewiß, wir haben oft nette und trauliche Stunden auch bei mir gehabt. Aber Weihnachten — Weihnachten sollte man immer im gemütlichen Heim, nicht im Pensionszimmer, nicht im Restaurant verbringen. Weihnachten ist ein Familienfest und sollte nur in der Familie oder in ganz intimem kleinem Kreis gefeiert werden.«

»So denke ich auch. Und doch, ist es nicht sonderbar, Familien, die still und glücklich dieses herrliche Fest in dem Kreise der Ihrigen verbringen können, laden sich fremde Menschen ein oder gehen gar zu einem üppigen Weihnachtsessen in ein feines Weinrestaurant. Wir, die wir keine Familie haben, tun uns zusammen und suchen uns gegenseitig das Familienglück zu ersetzen.«

»Ja, es geht wunderbar zu in der Welt. Das ist ja vielfach das Mißgeschick unseres Lebens, daß wir nie das, was wir besitzen, richtig einschätzen, nie das Glück mit Bewußtsein uns zur Seite sehen, es immer erst erkennen, wenn es uns verlassen will.«

Friedvoll und ruhig brannten die Kerzen. Der Geruch von Wachs und Tanne schwebte im Zimmer. Schweigend saßen die drei und schauten auf das durch die ausstrahlende Wärme leise zitternde silberne Engelshaar. Der Geruch und die flimmernden Flämmchen spannen sie ein. Sie waren entrückt und saßen in einer Sphäre vollkommener Weltabgeschiedenheit. Gehrings Blicke ruhten auf Lotte. Ihr klares offenes Gesicht, in welchem die großen forschenden Augen die herrschende Stellung einnahmen, hatte sie nachdenklich in die auf den Armstuhl gestützte Rechte gelegt. Ihre Augen waren sehr ausdrucksvoll. Zuweilen blitzte ein gütiger, oft ein zorniger Strahl darin auf. Die Reife der Lebensanschauung gaben ihrem Gesicht etwas überaus Anziehendes.

Sie schien die Blicke Gehrings zu fühlen. Ruhig erhob sie den Blick, schaute und sah ihm geradeswegs in die Augen. Und ein Strom gewaltiger Freude durchzitterte ihr Herz und schwoll zum gewaltigen Meer. Ihr lange umkrampftes Herz konnte sich wieder dehnen, die Kette war ihr von den Gliedern gefallen, wie ein Feuer, wie eine Gewitterwolke erhob die Liebe sich.

Fest wurzelten die Blicke ineinander. Groß und dunkel glänzten ihm die Augen entgegen, und sie strahlten und flammten, als bräche ein sprühendes, geheimes Innenleben unaufhaltsam aus ihnen hervor. Und sein Blut kam in Wallung. Oft schon hatte er diese Frau getroffen, und noch nie war sie ihm begehrenswert erschienen. Ihre Klugheit und Lebenserfahrung hatte er geschätzt, stets war es ihm ein Vergnügen gewesen, mit ihr eine Unterhaltung zu pflegen, und oft waren sie sich im Meinungsaustausch begegnet. Aber nie, niemals war ein Funke aufgesprungen, aus dem hätte ein Feuer entstehen können. Und heut? Heut war er da, dieser Funke, es schien, als bedürfe es nur eines leisen Anhauches, und er wollte aufglimmen und anschwellen zu lodernder Flamme. Was war geschehen?

Und die Blicke wurzelten ineinander, und seine Lippen flüsterten in die Stille hinein: »Was haben Sie?«

»Den Willen zum Glück.«

Und die Augen ließen voneinander.

Ebba war zusammengezuckt und sprach: »Das sagen Sie so laut, Lotte? Ich denke, vom Glücklichsein träumt man nur!«