»Nein, ich will nicht nur träumen, ich will es erjagen und will es halten, fest, ganz fest, und wäre es auch nur ein ganz, ganz kleines Weilchen — das Glück.«
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Lotte hatte angestrengt den ganzen Vormittag gearbeitet. Jetzt legte sie die Modellierstäbchen zur Seite, griff zu den nassen Tüchern und umhüllte ihr Werk. Ermüdet warf sie sich in einen tiefen Sessel und gab sich der Ruhe hin. Ach, es tat so wohl, den Nerven eine kurze Schonung zu gönnen.
Rasch war sie mit ihrem Werk vorangekommen. Damals, als der Gedanke in ihr aufsprang, hatte sie in kurzer Zeit die Skizzen entworfen, und jetzt war sie daran, ihr Werk auszuführen. Sie fühlte, wie mit jedem Tag die Arbeit sie mehr und mehr befriedigte, wie sie hineinwuchs in ihr Werk. Wie Gestalten und Gedanken sich ihr entgegendrängten, um festgehalten zu werden, und wie es wuchs, gigantisch, groß, weit über das, was sie gewollt, hinaus. Sie war sich ihres Talentes bewußt, die Anerkennung ihres Könnens berechtigte sie, daran zu glauben. Aber dies — dies konnte sie noch emporwachsen lassen, dies konnte etwas werden, was auf die Knie zwang.
Sie fröstelte. Das Feuer im Ofen war heruntergebrannt. Im Eifer der Arbeit hatte sie vergessen, Kohlen aufzuschütten. Oben auf den Dächern lag die klare, strahlende Wintersonne. Ihre tief unten gelegenen Fenster hatten keinen Anteil daran.
Sonne! Wer dich halten könnte und sich in deine Strahlen hüllen dürfte. War es ein unbilliges Verlangen, im Sommer des Lebens sich zu sehnen nach weichen, warmen Sonnenstrahlen?
Sie schloß die Augen. Und nun war sie eingehüllt in weiche, warme Strahlen, und aus den Strahlen leuchteten ihr liebeverlangend zwei Augen entgegen, zwei Arme umfingen sie zärtlich und nahmen sie sanft an ein liebeheischendes Herz.
Da sprang sie auf, reckte die Arme empor und jubelte: »Ach du, ach du, kommst du dennoch?«
Nicht dem Herbst entgegengehen müssen, ohne den Frühling und Sommer genossen zu haben!
Wird es kommen, das Glück? Ihr Weibesglück? — — Sie hatten sich nicht wiedergesehen seit dem Weihnachtsabend. Schweigend waren sie durch die stille, weiße Weihnachtsnacht gegangen. Einmal war er stehengeblieben und hatte gesagt: »Heut sehe ich Sie anders als sonst, Fräulein Wunsch.« »Ich weiß es.« Und er hatte ihr die Hand entgegengestreckt: »Geben Sie mir die Hand und lassen Sie uns wie Kinder nach Hause gehen.« — Nach Hause — und Hand in Hand, schweigend, waren sie durch die Nacht gegangen.