»Pardon, Gnädigste, ich bin zwar gänzlich unmusikalisch, nichtsdestoweniger zweifle ich keinen Augenblick, daß das Talent der Dame der äußeren Erscheinung entspricht. Einfach fabelhaft. Und der Name, wenn ich bitten darf?«
»Gerda von Wangenheim.«
»Wangenheim? Mein Vater kannte einen Oberstleutnant von Wangenheim in einem ostpreußischen Nest, dicht an der russischen Grenze. Könnte —«
»Kann wohl stimmen. Ihr Vater ist Oberstleutnant, und sie kommt aus Ostpreußen.«
Er pfiff leise durch die Zähne. »Feudale alte Familie. Und Sie sagten, sie geht zur Bühne?«
»Sie will Konzertsängerin werden.«
»Nun, jedenfalls Sängerin von Beruf. Darf ich Sie bitten, mich der Dame vorzustellen?«
Gerda, die, von einem Kreis von Herren umgeben, lässig am Kamin stand, neigte flüchtig das blonde Haupt, als Thea ihr den jungen Zedlitz zuführte.
Thea war stehengeblieben. Die Gegenüberstellung dieser beiden Frauengestalten wirkte als Folie und gegenseitige Unterstreichung. Die pikante, prickelnde und soubrettenhafte Schönheit Theas machte die kühle und vornehme Atmosphäre Gerdas noch wirkungsvoller. Winkelmann, der neben Gerda am Kamin lehnte, ließ seine Blicke zwischen den beiden Frauengestalten wandern. Er, der Frauenkenner, stellte sich vor eine Wahl. Bei dieser — Pikanterie, toller Leichtsinn, lockende Genußsucht. Bei jener — kühle Gelassenheit, Eiseskälte, die Feuerströme decken konnte. Ihn reizten Berge von Eis und Schnee, durch die er seinen Weg finden wollte, um Glut und Leidenschaft anzufachen zu siedender Flamme.
Thea sah prüfend auf Gerda. Wie modern war sie heute gekleidet. Ein mattblaues Chiffonkleid, auf veilchenfarbener Seide gearbeitet, umspannte eng den schlanken Körper. Die goldfarbenen Haare, welche kein Hut verdeckte, waren leicht gewellt und am Hinterkopf lose von einem Kamm gehalten. Kein Schmuck beeinträchtigte die zarte, opalfarbene Haut. Ihr Gesicht, welches für gewöhnlich blaß, war heute übergossen von einem zarten rosa Hauch, ein Zeichen der Erregung, hervorgerufen durch ihr erstes öffentliches Singen.