»Nein. Man kann einem Menschen oft mehr Gutes tun, wenn man ihm nicht hilft.«
Lotte sah nachdenklich vor sich hin. »Sie mögen recht haben, Gehring. Doch hier hoffe ich gut zu tun, wenn ich helfe die Wege ebnen.«
»Wer ist der Herr, den meine Schwägerin eben so liebenswürdig begrüßt, Lotte? Ein interessanter Kopf. Schauen Sie die grauen Haare und die lebhaft blitzenden jugendlichen Augen.«
»Da haben Sie gleich einen Magnet, der so manche Sterne, große und kleine, hierhergezogen hat. Ihr Zweck ist es, sich ihm in den Weg zu stellen, von ihm beachtet zu werden und, wenn irgend möglich, eine kleine Attacke auf sein noch immer jugendliches Herz zu vollführen. Es ist einer unserer ersten Theaterkritiker.«
»Und die Wirkung?«
Lotte lachte. »Je nachdem. Aber was die Kritiken anbelangt, so bleibt die beabsichtigte Wirkung allerdings aus. Er läßt sich in seinem Urteil nicht durch girrende Blicke beeinflussen. Und dort, jener schlanke Mann, mit den nervösen Gesichtszügen, den graumelierten Haaren, ist ein Musikkritiker. Es ist gut, daß er gekommen ist, vielleicht schneidet Fräulein von Wangenheim gut ab und er wird aufmerksam auf sie.«
»Und die Dame, die mit ihm gekommen ist? Sie scheint mir weniger schön als auffallend graziös in ihren Bewegungen.«
»Das ist eine unserer modernen Tänzerinnen. Ein wunderbar schmiegsamer Körper. Die müssen Sie einmal tanzen sehen, Frau Ebba.«
»Und nun schauen Sie dorthin, gnädige Frau,« wandte sich Gehring an Ebba, »so stempelt man sich zur Tragödin, wenn man noch keine ist. Wie gefällt Ihnen dieses Gesicht?«
»Widerlich! Mein Gott, wie kann man so aussehen. Verlebt, welk und müde! Und mir scheint, alles gekünstelt, maskenhaft.«