»Und darf man fragen, wie hast du die Menschen gefunden?«
»Bah —,« sie verzieht höhnisch den Mund. »In allen wohnt eine grenzenlose Gier, ein wütender Hunger nach Liebe. Sie sind toll nach Liebe, nach Zweisamkeit.«
Sie hat es verächtlich gesprochen, daß die beiden Männer sie überrascht ansahen.
»Und das gefällt dir nicht? Daraus machst du den Menschen einen Vorwurf?« Winkelmann hatte sie gefragt.
»Jawohl, das tue ich.«
»Sie, eine Frau, Sie wollen die Liebe verbannen?« sagt Reitzenstein.
»Das will ich nicht. Aber ich will nicht, daß die Menschen sich von ihr beherrschen lassen. Daß sie zügellos ohne Besinnen sich ihr hingeben. Und daß die Liebe schmutzig, häßlich und gemein wird.«
»Aber, mein gnädiges Fräulein,« Reitzenstein sagt es erregt, »wie können Sie so sprechen? So sprechen, als von allen Menschen. Diese Vorwürfe können Sie doch nur einer kleinen Minderheit machen!«
Gerda lächelt ironisch. »Sie glauben?« Sie macht eine kleine Handbewegung und deutet in die Runde. »Bitte, schauen Sie um sich, und sehen Sie den Menschen in die Augen.«
Und da waren Augen, hungrige, bettelnde Augen, die flehten um Liebe. Und andere, flackernd und heiß, die forderten Lust. Und gierige, die fraßen sich fest und wühlten und wühlten durch Mark und Bein und machten das Blut aufpeitschen, daß die Sinne schrien nach Befriedigung. Und noch andere, lüstern und scheu, die sprachen von heimlichen Sünden, von Tollheit und Rausch. Und Arme umschlangen sich. Lippenpaare lagen aufeinander und tauschten Kuß um Kuß.