Autonomie und kategorischer Imperativ
Aus der Schätzung des guten Willens als des Höchsten, was es in der Welt gibt, folgt nun aber, daß wir unsere Mitmenschen mit Achtung zu behandeln haben; denn in jedem Menschen liegt wenigstens die Möglichkeit, sich auf die Stufe des guten Willens zu erheben. Wir dürfen selbst dem verkommensten Menschen die Möglichkeit nicht absprechen, sich auf sein besseres Selbst zu besinnen, und sollen deshalb einen Menschen nicht wie ein Ding als bloßes Mittel zum Zwecke behandeln, vielmehr stets auf seinen Eigenwert Rücksicht nehmen. Vor der moralischen Forderung endlich sind wir alle gleich. Wir dürfen also hier kein Vorrecht für uns beanspruchen, sondern müssen so handeln, daß wir die gleiche Handlungsweise von jedem in der gleichen Lage fordern würden. Wenn wir etwa in die Versuchung kommen, ein Versprechen nicht zu halten, sollen wir uns fragen, ob es denkbar wäre, daß alle Menschen in der gleichen Lage ebenso handelten. Wenn jeder sein Wort bräche, sobald Wort halten unbequem ist, so schwände alles Vertrauen auf ein gegebenes Wort und damit Treu und Glauben in der menschlichen Gesellschaft. Aus dieser Erwägung ergibt sich, warum der Wortbruch unmoralisch ist. So versteht man die Formel, in die Kant das Sittengesetz gebracht hat: »Handle so, daß die Maxime deines Wollens jederzeit Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnte.« Kant nennt diese Forderung den kategorischen Imperativ – ein Ausdruck, dessen Bedeutung Sie nun leicht verstehen werden. Jeder andere Befehl (Imperativ) gilt nur unter gewissen Voraussetzungen. Der Arzt z. B. befiehlt dem Magenkranken mäßig zu leben, falls er gesund werden will; zieht jener Schlemmerei der Gesundheit vor, so gilt dieser Befehl nicht mehr. Der römische Staat befahl den Christen, vor den Kaiserbildern zu opfern; aber dieser Befehl band sie nur, solange sie leben wollten, und die Märtyrer zogen den Tod einer Verletzung ihres religiösen Gefühles vor. Alle solche Befehle gelten nur bedingt, hypothetisch; das Sittengesetz ist der einzige Befehl, der unbedingt, kategorisch, den Anspruch auf Befolgung erhebt.
Ist der gute, d. h. pflichtbewußte Wille das Höchste, Gewisseste und Wichtigste, was es für uns gibt, so muß es auch möglich sein, unsere Handlungen durch freien Willensentschluß dem erkannten Sittengebot gemäß zu bestimmen, d. h. wir müssen frei sein. Wir stellen weiter die Forderung, daß der gute Wille herrsche. In dem kleinen Stück Welt, das wir übersehen, ist das nun sicher nicht der Fall. Sehr oft unterliegt der edlere Mensch dem rücksichtslosen Schurken, noch öfter kämpft unser bestes Wollen vergeblich gegen die Widerstände des Naturlaufs, gegen Krankheit, Mangel und Mißgeschick. Das Ganze der Welt aber kennen wir nicht, wir wissen nicht, wie sich in diesem Ganzen die Widersprüche ausgleichen. Indessen, aus der moralischen Forderung folgt, daß es irgendwie eine solche Ausgleichung geben muß. So gründet sich auf die Sittlichkeit der Glaube. Glauben bedeutet hier nicht soviel wie »für wahrscheinlich halten«, vielmehr ist das Wort im religiösen Sinne gemeint, etwa wie Luther es nach dem Hebräerbrief erklärt hat: »Glaube ist die Gewißheit dessen, was man nicht siehet.« Glaube ist Gewißheit, und weil diese Gewißheit aus den Forderungen unserer Vernunft folgt, spricht Kant von Vernunftglauben; Glaube ist aber die Gewißheit dessen, was man nicht sieht. Sehen, auch im übertragenen Sinne des Wortes, können wir ja die Einrichtungen des Weltganzen niemals. Wie die Gottheit regiert, wissen wir nicht; nur daß eine Gottheit regiert, ist uns moralisch gewiß. Da wir nur im moralischen Wollen ein wahres Verhältnis zur Gottheit haben, können wir Gott auch nur durch rechtes Handeln dienen. Jeder Glaube, der durch äußerliche Zeichen der Verehrung Gott wohlgefällig zu sein glaubt, ist Aberglaube.
Einheit der Kantischen Philosophie
Sie erkennen, wie innerlich notwendig Kants theoretische und praktische Philosophie zusammenhängen. Auch geschichtlich bilden beide Teile eine untrennbare Einheit. Schon in der ersten Auflage der Kritik der reinen Vernunft hat Kant auf die Ergänzung dieses Werkes durch die Moralphilosophie hingewiesen. Es gab keine Zeit in Kants Leben, in der er nur die negativen Teile seiner Philosophie besessen hätte. Ich betone das, weil das Gegenteil oft behauptet wird. Heinrich Heine hat einmal in seiner witzigen Art gesagt: Kant habe in der Kritik der reinen Vernunft den lieben Gott totgeschlagen, dann aber habe der Philosoph an seinen alten Diener Lampe gedacht, der ihm auf seinen regelmäßigen Spaziergängen den Regenschirm nachtrug. Er habe überlegt, daß Lampe ohne den lieben Gott nicht glücklich sein könnte, es sei aber praktisch nötig, daß Lampe glücklich sei, und darum habe Kant in der Kritik der praktischen Vernunft den lieben Gott wieder auferweckt. Das ist ebenso amüsant wie falsch. Kant hat in der Kritik der reinen Vernunft nicht etwa das Dasein der Gottheit widerlegt, sondern nur falsche Beweise für dieses Dasein entkräftet und gezeigt, daß aus rein theoretischen Gründen über die Gottheit gar nichts gefolgert werden kann. Im Hintergrunde stand dabei die Überzeugung, daß es andere, moralische Gründe gebe, durch die wir der Gottheit gewiß werden. Was Heine witzig gesagt hat, wiederholte Ernst Häckel später in trockenem Lehrton; es ist aber dadurch nicht wahrer geworden. Natürlich hat jeder denkende Mensch das Recht zu prüfen, ob der von Kant behauptete Zusammenhang zwischen theoretischer und praktischer Philosophie begründet ist. Aber die Behauptung, daß ein solcher Zusammenhang für den Philosophen selbst nicht bestehe, daß Kant aus äußeren Gründen oder aus innerer Feigheit seine Meinung geändert habe, beruht bestenfalls auf grober Unkenntnis der Tatsachen.
Gegen meine Gewohnheit in diesen Vorträgen habe ich eben eine fremde Auffassung schroff bekämpft. Ich mußte das tun, weil sie darauf ausgeht, das Wertvollste, was Kants Philosophie nach meiner festen Überzeugung für unser ganzes Leben geleistet hat, einem billigen Hohne preiszugeben. Ich will Ihnen dieses Wertvollste jetzt noch in einem großartigen Bilde vorführen. Johann Gottlieb Fichte, Kants selbständigster Schüler, war zugleich eine lebendige Verkörperung von Kants Moralphilosophie.
Die Betrachtung seiner Persönlichkeit rundet unsere Darstellung gleichsam zum Kreise. Mit einer Philosophie, die ganz Leben war, habe ich begonnen. Dann zeigte ich, wie sich mehr und mehr das Denken zurückziehen mußte in den stillen Garten Platons und tiefer noch in die einsame Studierstube der neueren Denker. Jetzt aber werde ich zu Ihnen von einem Manne reden, der den Gewinn an Zusammenhang und Gründlichkeit, wie das einsame Denken ihn bringt, wohl kannte, der selbst einen großen Teil seines Lebens mit lebensfernen Studien zubrachte, dann jedoch das so Errungene wieder ins Leben zurückführte und dem Leben dienstbar machte.
Johann Gottlieb Fichte wurde am 19. Mai 1762 als Sohn eines Leinenwebers und Bandhändlers in dem Dorfe Rammenau, das zur sächsischen Lausitz gehört, geboren. Obwohl die Handweber damals noch nicht durch die Konkurrenz der Fabriken zum Hunger verurteilt waren, ging es doch bei Fichtes Eltern dürftig zu, zumal dem ältesten Sohne noch sieben Geschwister folgten. Während Fichte die Dorfschule besuchte, mußte er zugleich als Gänsejunge zum Unterhalte der Familie beitragen. Sein lebhafter Geist ergriff die einzige Anregung, die sich ihm bot, mit Feuer: die sonntäglichen Predigten prägte er sich so gut ein, daß er sie aus dem Gedächtnis herzusagen wußte. Eines Sonntags kam zum Gutsherrn von Rammenau ein benachbarter reicher Edelmann, ein Herr von Miltitz, zu Besuch. Als er bedauerte, die Predigt bereits versäumt zu haben, machte man ihn auf die Fähigkeit des jungen Fichte aufmerksam; er ließ ihn zu sich kommen und die Predigt wiederholen, unterhielt sich darauf mit dem Knaben und fand, daß dieser nicht etwa die Worte mechanisch hergesagt, sondern den Sinn vollständig erfaßt hatte. Der Eindruck dieser Begabung war so stark, daß Miltitz sich entschloß, Fichte auf seine Kosten ausbilden zu lassen.
Fichtes Jugend
Durch einen Pfarrer auf einem der Güter des Herrn von Miltitz vorbereitet, trat er 1774 in die berühmte Anstalt Schulpforta ein. Schulpforta ist ein Internat, d. h. die Zöglinge wohnen in der Anstalt. Schon die strenge Disziplin, die hier herrschte, bedrückte den an Freiheit gewöhnten Knaben; schlimmer aber war für sein empfindliches Rechtsgefühl die Roheit der älteren Genossen gegen die jüngeren. Sie trieb ihn zu einem Fluchtversuch, von dem ihn indessen der Gedanke an seine Eltern bald zurückbrachte. So durchlief er die Anstalt und begab sich, ausgerüstet mit gründlicher Bildung besonders in den alten Sprachen 1780 nach der Universität Jena, die er bald mit Leipzig vertauschte, um Theologie zu studieren.