Materielle Not, der Zwang, durch Stundengeben sein Brot zu verdienen, beeinträchtigten sein Studium. Miltitz war gestorben; seine Erben unterstützten ihn eine Zeitlang, aber diese stets unzureichende Hilfe versiegte bald ganz. Die Nöte des Hauslehrer- und Hofmeisterdaseins mußte Fichte bis auf die Neige auskosten, schließlich war er völlig mittellos, seine Rechtlichkeit verbot ihm, Geld zu borgen, da er nicht die Möglichkeit sah, es wiederzugeben. Aus dieser äußersten Not befreite ihn 1788 der alte Dichter Chr. Felix Weiße, einst Lessings Jugendfreund, indem er ihm eine Hauslehrerstelle bei einem Gastwirt in Zürich verschaffte.
Indessen hinderte Fichte seine Selbstachtung und sein Pflichtgefühl, in der Erziehung seiner Zöglinge eine bloße Versorgung für sich selbst zu sehen; er faßte dieses Amt als echten Beruf auf und fühlte sich daher berechtigt, alle Störungen in diesem Berufe zu bekämpfen. Als störend empfand er vor allem die Schwächen der Eltern; daher legte er sich ein Tagebuch an, in das er die bedeutendsten Erziehungsfehler der Eltern einschrieb, und las es ihnen am Ende jeder Woche vor. Anderthalb Jahre lang dauerte diese Tätigkeit Fichtes; und es spricht immerhin für den Charakter jener Bürgersleute, daß das Verhältnis nicht auf ihren, sondern auf Fichtes Wunsch gelöst wurde.
In Zürich fand Fichte nicht nur Erholung von seinen materiellen Nöten, sondern auch zum erstenmal in seinem Leben einen ihm angemessenen Verkehr. Besonders eng schloß er sich an einen Kaufmann Rahn an, der einst ein Freund des Dichters Klopstock gewesen war, dessen Schwester geheiratet hatte, und dem nach dem Tode seiner Frau die einzige Tochter Johanna die Wirtschaft führte. Sie erkannte Fichtes hohen Wert, ihre Liebe fand Erwiderung, und als ihr Verlobter verließ Fichte die Schweiz.
In Leipzig, wohin er zurückkehrte, erwartete ihn freilich die alte Not, noch verschärft durch den Gegensatz gegen die hohe Meinung, die Fichte von sich selbst hegte. Damals, am 20. Juni 1790, schrieb er an seinen Vater: »Den gewöhnlichen Weg schleichen – mich auf eine Dorfpfarre setzen, kann ich einmal nicht, und Gott, der mir diesen Sinn gab, weiß, daß ich es nicht kann.« Man gewinnt aus seinen Briefen und seiner Lebensführung den Eindruck, daß Fichte sich zu Großem berufen fühlte, aber noch nicht wußte, auf welchem Gebiete seine künftigen Leistungen liegen würden. Da brachte ein scheinbar unbedeutendes Ereignis die Entscheidung. Ein Student wünschte Unterricht von ihm in der Kantischen Philosophie. Fichte konnte schon aus äußeren Gründen solche Angebote nicht abweisen, und da er als gewissenhafter Mensch doch genau kennen mußte, was er lehren sollte, vertiefte er sich in Kants Werke. Eine neue Welt ging ihm auf. Am 5. März 1791 schrieb er an einen seiner Brüder: »Aus Verdruß« (daß sich gewisse Aussichten nicht erfüllten) »warf ich mich in die Kantische Philosophie, …, die ebenso herzerhebend als kopfbrechend ist. Ich fand darin eine Beschäftigung, die Herz und Kopf füllte; mein ungestümer Ausbreitungsgeist schwieg: das waren die glücklichsten Tage, die ich je verlebt habe. Von einem Tage zum andern verlegen um Brot, war ich dennoch damals vielleicht einer der glücklichsten Menschen auf dem weiten Runde der Erden.«
Was gab Fichte die Kantische Philosophie? Natürlich hatte er schon vorher philosophiert; denn Philosoph wird nur, wer mit dem Verlangen nach sicherem, einheitlichem Wissen geboren ist, und ein Mensch, in dem der Drang des Fragens lebt, beginnt früh nachzudenken. Fichte kam dabei zu Ansichten, die in manchem denen Spinozas ähnelten. Vor allem war er überzeugt von der notwendigen einheitlichen Ordnung der Welt, in deren durchgehender Bestimmtheit kein Platz für die Freiheit des Willens ist. Gerade die Frage der Willensfreiheit hatte den tatendurstigen Jüngling viel beschäftigt, er hatte darüber auch mit seinem Schwiegervater Rahn diskutiert und den alten Mann zu seiner Überzeugung gebracht. Jetzt schrieb er ihm, er erkenne, daß sie sich damals beide geirrt hätten; denn sie seien von der unrichtigen Seite ausgegangen. Wir dürfen ja nicht das Weltganze an den Anfang stellen, sondern wir müssen uns an den Gesetzen und Aufgaben des Erkennens orientieren. Da das Weltganze selbst ein Ziel für unsern Erkenntniswillen ist, täuschen wir uns, wenn wir uns als unfreie Glieder dieses Ganzen fühlen. In Kants Lehren findet Fichte gerechtfertigt, was sein stolzer Freiheitswille forderte; zugleich weiß er nun, was der Kern seiner Begabung ist. Von jetzt ab ist er ganz Philosoph; sein Ziel muß sein, das Leben nach den Anforderungen der Philosophie zu gestalten.
Seine äußere Lage freilich war bedrängter als je, auch seine Heirat rückte infolge geschäftlicher Verluste seines Schwiegervaters in unbestimmte Ferne. Er mußte sich entschließen, noch einmal eine Hauslehrerstelle anzunehmen und fand sie in einer gräflichen Familie in Warschau. Dort traf er es indessen weit ungünstiger als bei jenen Züricher Bürgersleuten, die sich dem Eindruck seiner Persönlichkeit nicht hatten entziehen können. Die Gräfin, die ihren Gemahl völlig beherrschte, sah in dem Hauslehrer nur einen Bedienten, von dem sie Unterordnung unter ihre Launen und die Manieren eines französischen Tanzmeisters verlangte. Gleich die erste Unterredung verlief so, daß Fichte die Stellung nicht antreten konnte; die Entschädigung die er für die Geld- und Zeitverluste der weiten Reise fordern mußte, erhielt er erst, als er mit gerichtlicher Klage drohte.
Fichtes philosophische Anfänge
Da Fichte nach Empfang der Entschädigung einige Mittel besaß und sich zudem nicht sehr weit von Königsberg befand, beschloß er, dort Kant aufzusuchen, den er unter allen Lebenden am höchsten verehrte. Aber dieser Besuch brachte ihm zunächst eine neue Enttäuschung. Der große alte Mann, der oft von unbekannten Besuchern belästigt wurde, empfing den Kandidaten der Theologie Fichte, wie dieser selbst schreibt, »nicht sonderlich«. Um sich eine andere Aufnahme zu verdienen, blieb Fichte nun in Königsberg und arbeitete in wenigen Wochen seine Gedanken über Religionsphilosophie aus. Die Handschrift schickte er unter dem Titel: »Versuch einer Kritik aller Offenbarung« an Kant, der daraus die Begabung des Einsenders erkannte und Fichte bei einem neuen Besuche, wie wir wiederum von diesem selbst wissen, »mit ausgezeichneter Güte« aufnahm. Fichte war gezwungen, diese Güte für sein äußeres Leben in Anspruch zu nehmen, da seine Mittel erschöpft waren. Kant gewährte das erbetene Darlehn seinen Grundsätzen gemäß nicht, half aber in viel gründlicherer und vornehmerer Weise dadurch, daß er Fichte einen Verleger für seine Arbeit und eine passende Hauslehrerstelle bei einem Grafen Krockow in der Nähe von Danzig verschaffte. Dort fühlte er sich bei gebildeten Menschen wohl und hatte Muße, seine Schrift eingehend durchzuarbeiten. Ostern 1792 erschien sie im Buchhandel; gegen Fichtes Wunsch, aber vielleicht nicht ohne Nebenabsicht des Verlegers anonym. Eines der ersten kritischen Blätter jener Zeit, die Jenaer Literaturzeitung, erklärte, der erhabene Verfasser lasse sich gar nicht verkennen, das Buch sei von Kant. Natürlich berichtigte Kant das sofort und nannte als Verfasser den Kandidaten der Theologie Johann Gottlieb Fichte. Dadurch war der unbekannte Hauslehrer plötzlich ein berühmter Mann geworden; denn wer ein Buch schreiben konnte, das man für ein Werk Kants hielt, hatte Anspruch auf allgemeine Beachtung.
Auch äußerlich wendete sich jetzt sein Geschick. Sein Schwiegervater hatte wenigstens einen Teil seines Vermögens retten können, und Fichte durfte nun endlich an die Heirat denken. Er ging nach Zürich und führte am 22. Oktober 1793 seine Braut heim. Den Winter verbrachte das junge Paar in der Heimat der Frau; Fichte lebte in einem angeregten Kreise und lernte auch den großen Propheten echter Volksbildung Pestalozzi kennen. Zugleich zeigte sich die Richtung seines Geistes, die philosophischen Erkenntnisse für die Erfassung der Gegenwart nutzbar zu machen, und seine Begeisterung für einen freien Staat in einer Schrift über die Französische Revolution. Im Sommer des nächsten Jahres folgte er einem Rufe an die Universität Jena und übte dort vom ersten Tage an eine hinreißende Wirkung auf die Studenten aus. Von vornherein zerfiel seine Lehrtätigkeit in zwei Teile: in umfangreichen Vorlesungen bildete er die Kantische Philosophie in seiner Weise fort, während er in kürzeren, allgemeinverständlichen Vorträgen im Geiste dieser Philosophie auf die Menge der Studierenden einwirkte und ihnen die echten Lebensaufgaben der gelehrten Stände vor Augen führte.
Die Wissenschaftslehre