Ich erkundigte mich, um was sich diese Verhandlungen drehten, und Anselma sagte, es würden immer die wichtigsten Vorkommnisse der letzten Tage besprochen. Sie könne mir darüber Aufschluß geben, da man keine Amtsgeheimnisse kenne und vor den Hausgenossen verhandle, die in den Amtsräumen beschäftigt sind. Gestern sei der Brand in Bruck a. d. Mur zur Sprache gekommen und habe besondere Aufmerksamkeit erregt, weil seit vielen Jahren kein so großes Schadenfeuer sich ereignet habe und die bedenkliche Thatsache vorlag, daß amtliche Pflichten verletzt wurden. Man hatte vom frühen Morgen an Berichte über das Ereigniß auf telegraphischem Wege eingeholt und der Statthalter in Graz war persönlich nach der Unglücksstätte abgegangen. Das Ministerium habe befunden, daß der Verwaltungsbeamte ohne alles Verschulden sei und daß sowohl sein Disciplinarerkenntniß, als auch seine Verfügungen wegen Wiederherstellung der Gebäude und ununterbrochenen Betriebes der Produktion volle Anerkennung verdienen, weshalb seine Beförderung bei nächster Gelegenheit ihm zugesagt wurde.

Meine Begleiterin zeigte mir zahllose Kunstwerke der verschiedensten Art und machte mich aufmerksam, daß alles, was die Privatgemächer des Kaisers bergen, von der Hand der Mitglieder der kaiserlichen Familie herrühre. Seit Jahrhunderten erlerne jeder Erzherzog ein Gewerbe und die Erzeugnisse seiner Arbeit, wohl selten ohne Beihilfe geschulter Arbeiter zu Stande gebracht, werden in den Wohnungen der Familie aufgespeichert. Aber auch der Kunst widmeten sich viele Erzherzoge und zähle die Familie der Habsburger nicht nur Schriftsteller und Compositeure, sondern auch Maler, Bildhauer, Medailleure. Dazu die Kunstfertigkeiten der Frauen.

Man hörte klingeln und Anselma lud mich ein, die Gemächer zu verlassen, weil sich der Kaiser eben ankleide, und dann den Weg in sein Arbeitszimmer nehme. Sie führte mich auf mein Zimmer und ich setzte mich in Stand, um mich beim Frühstücke einführen zu lassen.

Der Verkehr war zwanglos. Graf und Gräfin Andrassy wurden so behandelt, als wären sie die Herren des Schlosses. Der Kaiser, dessen Ansprache man abzuwarten hatte, sprach mit mir, als ihm mein Name auf seinen Wunsch war genannt worden, ungezwungen über Amerika. Er sprach von dem Präsidenten unserer Union, “seinem brüderlichen Freunde,” und erkundigte sich nach den Eindrücken, die ich in Oesterreich gewonnen. Ich sagte, daß ich davon sehr befriedigt sei und weit mehr Aesthetik im öffentlichen Leben fände, als bei uns. Das freue ihn zu hören, sagte der Kaiser; es sei, fügte er lächelnd bei, wie die Geschichte berichtet, nicht immer so gewesen. Gerade die Aufgabe des Monarchen sei es, auf Wohlanständigkeit im geselligen und öffentlichen Leben hinzuwirken. Denn politische Aufgaben habe die Staatsverwaltung kaum je mehr zu lösen. Der Reichthum von Jahrhunderten, den die Dynastie und der Adel im Auftrage des Volkes verwalte, müsse dazu dienen, den Schönheitssinn bei allen zu entwickeln, so daß dieser auch alle Umgangsformen und die Beziehungen unter den Staatsbürgern beherrsche. “Das leiseste Unrecht, ja eine bloße Rücksichtslosigkeit verletzt unser Gefühl und man beeilt sich, jedem Genugthuung zu geben, bevor er sie gefordert; man könnte sagen, wir haben ein verweichlichtes Gemüth. — Aber entschuldige, junger Freund, ich muß jetzt die Gräfin Andrassy zu mir bitten, um zu fragen, wie sie geruht hat.” — Wie ich mich grüßend erhob, schritt eben die Gräfin, dem freundlichen Nicken des Kaisers folgend, auf ihn zu.

Später sah ich den Kaiser im Gespräche mit Arbeitern aus mehreren Provinzen, die zur Besichtigung der Insel und Baulichkeiten gekommen waren und gleich jedem anderen Oesterreicher Zutritt am Hoflager hatten. Ich verstand nicht, wovon die Rede war, da der Kaiser nach alter Habsburger Sitte mit jedem in dessen Muttersprache spricht.

Die Habsburger müssen ein Gehirn haben, das hundertjährige Anpassung an eigenthümliche Bedürfnisse ganz absonderlich entwickelt hat. Auch der gegenwärtige Kaiser spricht zehn lebende Sprachen und beherrscht sie in Rede und Schrift. Er war von frühester Jugend auf von Männern und Frauen umgeben, die in den verschiedensten Idiomen mit ihm verkehrten; er lebte abwechselnd unter den verschiedensten Völkern seines Landes, er liest, schreibt, verhandelt in allen diesen Sprachen, und auch in einigen der wichtigsten außerösterreichischen Cultursprachen mit voller Sicherheit. Dazu besitzt er ein ungewöhnliches Personengedächtniß und Menschenkenntniß. Man behauptet, daß er die Namen, persönlichen Verhältnisse und den Beruf von mehr als zwanzig Tausend Bewohnern Oesterreichs kenne und nur in den seltensten Fällen bedürfe es einer Nachhilfe der Personen, die seine Umgebung bilden, um sein Gedächtniß auf die richtige Fährte zu bringen, wenn er jemanden nach langen Jahren wieder sieht. Man liest es ihm an den Augen ab, wenn es nothwendig ist.

Eben hörte ich ihn lustig ausrufen: “Ei, die Gräfin Taaffe! Schon wieder ausgekniffen von Ellischau?”

“Wir haben eine gar zu lederne Gesellschaft in Ellischau zusammengewürfelt bekommen,” sagte die junge Dame heiter. Aber der Kaiser hielt ihr lachend den Mund zu; er fürchtete einen medisanten Bericht und dergleichen durfte der Monarch gar nicht anhören. Es war aber nur eine Verlegenheitsausrede der allerliebsten Frau, einer jugendlichen schlanken Blondine. Sie war von der Kaiserin wiederholt zu geheimen Berathungen berufen worden. Die Kaiserin beabsichtigte, ihrem Gemahl ein Bildwerk aus Marmor nach ihren Ideen meiseln zu lassen. Sie war eine Schwester des Grafen Eduard Taaffe und dessen Frau eine Schwester des Künstlers, der die Arbeit auszuführen gebeten wurde.

Es sollte das Bildwerk eine dahinschreitende Venus vorstellen, die von Liebesgöttern ihrer Gewänder beraubt wird. Von den Räubern war ihr einer in den Nacken geflogen, kniet auf ihren Schultern und verschließt ihr mit seinen Kinderhänden die Augen. Die Göttin greift nach seinen Armen, um sich zu befreien, und diesen Augenblick benutzen die Mitverschworenen, ihr die Schulterbänder, den Gürtel und die Schuhriemen zu lösen.

Die Fürstin wollte mit dem Meister nicht selbst verkehren; sie fürchtete, es könnte, wenn auch unbeabsichtigt, eine Porträtstatue aus dem Kunstwerke werden, was der Kaiser übel vermerkt haben würde. Beschreibungen, Zeichnungen und Modelle wanderten hin und her und der Künstler — wir kannten ihn genau — hatte sich der Sache mit allem Eifer bemächtigt. Seine Ideen vervollständigten die Angaben der Kaiserin und führten daher zu Controversen.