Der Künstler wollte, daß die Ideenassociation des Beschauers berücksichtigt werde. Man solle denken können, daß die Göttin ihren Weg ungehindert fortsetzen werde, von bewundernden Amoretten umflattert. Das bedingte eine andere Einrichtung der Gewandung, als die Kaiserin geplant hatte, und der Künstler wollte noch einen Zephyr zu Hilfe nehmen, der die lose Gewandung an die Glieder der Göttin weht und die Hülle entführen helfen soll.
Von diesen Machenschaften wußte der Kaiser nichts und es war bereits ein herrlicher Block von milchweißem Marmor aus Griechenland für die Civilliste erworben worden, worüber die Beamten des Hofes und der Centralregierung unter Beiziehung des Hoftribunes — die Ungarn nannten ihn den Tribun a latere — verhandelt hatten.
Eigenthümlich war das Auftreten der Hausgenossen. Es war schwierig, die alte Hofetiquette zu brechen und die Gleichberechtigung der Menschen zur vollen Geltung zu bringen, obgleich ja Christus gezeigt hatte, wie das Bedienen der Mitmenschen mit der vollen Menschenwürde zu vereinbaren sei, da er seinen Dienern die Füße wusch. Es war noch immer nicht erreicht worden, daß die aufwartenden Personen in der Gesellschaft gleich berechtigt verkehren konnten. Es waren alle Arbeiten der Hofhaltung durch mancherlei Behelfe veredelt worden. Man hatte ferner nur wohlgestaltete Mädchen und Jünglinge im Alter von fünfzehn bis zwanzig Jahren an den Hof gezogen, die ein gewisses Maß von Ehrerbietung schon wegen ihrer Jugend bezeigen durften. Die Kleidung war natürlich würdig und erinnerte nichts weniger als an eine untergeordnete Stellung. In heißen Landstrichen liebte man, die Tracht der Römer und Griechen zu verwenden, wo es anging. Nur wenn die Hausgenossen Dienst hatten, legte man sich gegenseitig etwas Reserve auf. Niemand aber versäumte, jeden Wunsch mit einer freundlichen Bitte einzuleiten, und der Kaiser selbst vergaß nie, jede Handreichung mit einem “Danke, lieber Freund” oder “Vielen Dank, schönes Kind” zu erwidern. Hatten die Hausgenossen ihren dienstfreien Tag, so verkehrten sie seit einigen Jahren vollauf gleichberechtigt in der Gesellschaft. Das verdankte man dem Einflusse des Hoftribuns, der ein Ungar war und seit Jahren darum gekämpft hatte, daß man das Ceremoniell umändere, denn er pflegte zu sagen: “Jeder Ungar ist ein König.”
Der Kaiser aber wurde durch diesen edlen Stolz seiner Mitbürger nicht herabgewürdigt, sondern offenbar erhöht.
Nach dem Frühstück schlenderten wir in den Anlagen umher, machten Bootfahrten in Gesellschaft vieler Herren und Frauen, die uns, weil wir fremde waren, auszeichneten, und wir sahen den Fischern zu, welche ihre Netze auswarfen. Weit hinaus in's Meer warfen die Bogenlichter ihren hellen Schein, als wir endlich gegen elf Uhr heimkehrten, um an der Gesellschaft theilzunehmen. Es versammelten sich über hundert Personen im großen Park, wo auf einem weiten Platze kostbare Teppiche aufgebreitet waren, auf welchen man sich, wenn man nicht auf Stühlen oder Bänken Platz nehmen wollte, im Halbkreise lagerte.
Im Mittelpunkte der Gesellschaft saßen Kaiser und Kaiserin, dann Graf und Gräfin Andrassy, die mittlerweile zur Besichtigung einer Ausstellung nach dem Festlande gefahren waren, und dem Programme gemäß wurde ein berühmter Vorleser eingeladen, das Werk eines Dichters, der anwesend war, vorzutragen. Es war eine poetische Erzählung aus dem neunzehnten Jahrhunderte, von unbeschreiblicher Feinheit der Charakteristik und der Darstellung.
Als die Vorlesung beendet war, leitete der Kaiser die Debatte ein und so sehr er auch das Werk lobte, sprach er doch einige Bedenken aus. Der Dichter vertheidigte sich und eröffnete Gesichtspunkte, die dem Kaiser entgangen waren. Man wollte das Urtheil der Frauen hören und eine junge Frau fand mehreres unzart. Das gab nun Anlaß, zu erörtern, ob der Dichter es an Zartheit hatte fehlen lassen oder ob er innerhalb der Grenzen des reinsten Schönheitssinnes nur berichtet habe, was zum Verständnisse der Zeit und der Menschen jener Periode, sowie, um den Gang der Handlung zu begreifen, nothwendig war.
Das Gespräch drohte allgemein zu werden, aber der Kaiser bat, einen parlamentarischen Vorgang einzuhalten, da es sich um ein Werk handle, welches Hoffnung habe, bei der nächsten Preisvertheilung den Lorbeer zu erringen. Literaten, Professoren und besonders auch Schauspieler wurden aufgefordert, ihre Anschauung zu äußern.
Der Vorleser selbst sprach sich rühmend aus. Er sagte, daß gerade er zu einem Urtheile berufen sei, da sich ein gutes Werk leichter lese und es den Vorleser mit fortreiße. Das gelte besonders von einem neuen Werke, das der Recitator noch nicht kennt. Wäre irgend etwas dunkel, irgend eine Andeutung zu schwer zu verstehen oder etwas am unrechten Orte beschrieben, so würde der Vorleser auf Schwierigkeiten stoßen, eine vollendete Wiedergabe zu bieten; auch lese sich nur das leicht, was mit vollendeter Beherrschung der Sprache verfaßt und auf einen fließenden Vortrag berechnet sei.
Da nun der Dichter noch einiges zu seinen Gunsten vorbrachte und manchen Tadel siegreich widerlegte, schlug der Kaiser vor, man solle über die Frage abstimmen, ob hier ein Meisterwerk vorliege, an dem nichts zu tadeln sei. Alle stimmten für den Dichter, an den die Gräfin Andrassy herantrat, um ihm Glück zu wünschen.