Es wurde jetzt das zweite Frühstück gereicht und man stellte dann Bilder. — Zwischen zwei hochstämmigen Bäumen schlossen sich zwei mächtige Teppiche, hinter welchen die Aufstellung vor sich ging. So oft sich die Teppiche öffneten, bot sich ein entzückendes Bild, in welchem bekannte Scenen aus der griechischen Göttersage dargestellt waren. Die Frauenschönheit feierte Triumphe und umgaukelte unsere Sinne mit einer für Amerikaner unerhörten Freiheit. Ein unermeßlicher Schatz von Juwelen und Prachtgewändern, Gefäßen und Waffen bildete das Beiwerk.
Als der Vorhang für die Aufstellung des letzten Bildes zugezogen wurde, hörte man geschäftig hin und her laufen, es wurde gehämmert und die Pause verlängerte sich eine gute Weile. Man war in gespannter Erwartung. Als die Vorhänge sich öffneten, bot sich uns ein überraschender Anblick dar.
Es war die Darstellung der Anpreisung einer Sklavin, die römischen Patriciern zum Kaufe angeboten wird, nach einem alten Bilde. Durch einen großen Rahmen und die getroffenen Anordnungen, welche den Raum hinter dem Rahmen abschlossen, als spielte die Scene in einem Gemache, war der Eindruck hervorgerufen, als hätte man das herrliche Gemälde wirklich vor sich. Linker Hand stehen die Verkäufer, einer hinter dem andern, gemeine Menschen, den Blick auf die Käufer gerichtet. Der vordere von den Beiden zieht der Sklavin das Gewand vom Leibe, welches sie festzuhalten sucht, und hält sie roh am Arme, um sie zu verhindern, daß sie sich schamhaft abwende. Der alte Römer, der ihr gegenüber sitzt, ein schönes Gefäß auf den Knieen haltend, mit einem breiten unedlen Kopfe, hat ein verlegenes Lächeln auf den Lippen, und verräth Bewunderung und mühsam unterdrückte Begierde. Hinter ihm auf der rechten Seite des Bildes, der Sklavin zugewendet, steht ein junger Mann, ein Knie auf den Stuhl gebogen, dessen Lehne er mit beiden Händen hält. Auch sein edles Gesicht ist in den Anblick der reizenden Sklavin versunken. Diese Figur stellte ein junger Prinz vor, der das ganze in's Werk gesetzt.
Die Sklavin war die liebreizende Anselma, die herrliche leuchtende Gestalt der Jungfrau war ebenso entzückend, wie die edle Haltung, die Scham und Keuschheit zum Ausdrucke brachte.
Unser Athem stockte, kein Laut ließ sich vernehmen und geraume Zeit blieb das Bild stehen, um uns Muße zu lassen, alle Einzelnheiten zu bewundern. Es schien, daß man der schönen Anselma freigestellt hatte, die Dauer der Vorstellung zu bestimmen, denn wir glaubten, sie etwas flüstern zu hören, als die Vorhänge rasch zugezogen wurden.
Jubelnder Beifall erscholl. Der junge Patricier kam in seiner römischen Gewandung hervor, während Anselma nach ihrer Wohnung gebracht wurde, und der Kaiser befahl ihm, Anselma zu bitten, den Dank des Monarchen entgegenzunehmen, sobald sie sich würde angekleidet haben.
Das Bild wurde besprochen und ebenso die Kunst des Malers, wie die Sorgfalt der Darstellung und die Schönheit Anselmas gerühmt. Nun kam sie, von dem jungen Manne geleitet, in einem herrlichen Gewande aus elfenbeinfarbigem Stoffe, das nur die Arme unverhüllt ließ, und als sie vor den Kaiser trat, sagte er: “Herzlichen Dank, schöne Anselma, für die Gnade, die du uns erwiesen.” — Doch die Kaiserin erhob sich mit den Worten. “Nicht so, lieber Rudolf, können wir soviel Liebreiz, Anmuth und Güte abdanken;” und sie faßte Anselma an den Schultern, um sie zu küssen. Dann schob sie die Jungfrau vor den Kaiser, daß auch er sie küssen solle, und das that er mit den Worten: “Sind wir nicht Schwester und Bruder?” — “Das sind wir,” sagte Anselma, “so lehrt es uns Jesus von Nazareth und meine Eltern haben mich von frühester Jugend an ermahnt, mich nicht geringer zu halten, als irgend jemand, der auf Erden wandelt.” — “Daran erkenne ich meinen Perger!” sagte der Kaiser lachend, “treu wie Gold, aber voll trotzigen Selbstbewußtseins!” — Darauf ergriff nun ihrerseits die Jungfrau die Hände des Kaisers mit den Worten: “Du hast vorhin Deine Schwester geküßt; ich mache von meinem Rechte Gebrauch und küsse meinen Bruder.” — Darauf bog sie sich über den Kaiser. Wir waren begierig, zu sehen, wie sich der Fürst benehmen würde. Er sagte: “Wohlan, ich will Dich schirmen, wie ein Bruder und wer Dich kränkt oder beleidigt, an dem will ich mit eigenen Händen Rache nehmen.” So fand sich der stolze Fürst in die ihm bereitete Lage und benahm dem Vorgange alles Zweideutige.
Es trat jetzt Prinz Lobkowitz an das Mädchen heran, das der Liebling aller geworden war. Es nahm erröthend seinen Arm und er entführte uns die Liebreizende. Da ich meinem Nachbar, einem jungen Künstler zuflüsterte, daß man in Amerika ein Mädchen für beschimpft hielte, das eine solche Rolle in Gegenwart von Männern übernehme, sagte dieser es sei dies auch in Oesterreich bis jetzt nie erhört worden, aber es sei nicht zu zweifeln, daß Anselma nicht ohne die Einwilligung der Frauencurie gehandelt habe, die wohl in Anbetracht des künstlerischen Vorwurfes zugestimmt habe. Darum sei auch Anselma vor jedem Tadel sicher und habe keine Unehre zu fürchten.
Die Gesellschaft brach auf, um auf verschiedenen Wegen nach dem Schlosse zu pilgern, wo die Tafel bereitet war. Man speiste diesmal nicht im Garten, sondern es hatte der Haushofmeister die Tafel im Schlosse rüsten lassen. Es waren schon geraume Zeit bedrohliche Wetternachrichten aus Spanien, dem südlichen Frankreich und Italien eingelaufen und nach der Windrichtung war nicht zu zweifeln, daß bald ein Ungewitter losbrechen würde, obgleich wir noch Sterne am Himmel sahen.
Nach dem zweiten Gange prasselte auch ein Regenschauer, begleitet von Donner und Blitz, nieder und da man in den Sälen tafelte, die der Wetterseite gegenüber lagen, konnte man das Naturschauspiel bei offenen Fenstern genießen. Die berühmte meteorologische Reichsanstalt auf der Hohen Warte bei Wien hatte das Auftreten des Gewitters in Lacroma um fünf Minuten zu früh berechnet.