“Die Frage, was die Nothwendigkeit, das Geschlechtsleben mit den gesellschaftlichen Bedürfnissen in Einklang zu bringen, für Folge für die Sittlichkeit mit sich bringe, könnt ihr euch ja zum Theile selbst beantworten, da mir Dr. Kolb erzählt, daß darüber vor euch im hygienischen Congresse verhandelt wurde. Wir pflegen nicht davon zu sprechen, da es Dinge giebt, die man heilig hält und die eine Besprechung bloß der Neugierde wegen nicht gestatten. Wer dazu berufen ist, mag darüber in gelehrten Versammlungen zum Zwecke der Förderung des öffentlichen Wohles sprechen, oder in gleicher Absicht in Fachblättern schreiben, aber ein Gesprächsstoff allgemeiner Art ist dergleichen nicht. Entbindet mich daher von der Aufgabe, mich auf Einzelheiten einzulassen, die unserem Zartgefühle widerstreben. Wir geben uns aber nicht für Heilige aus, wir verabscheuen nichts mehr als den Pharisäismus, wir schweigen nicht, weil wir Gott danken, daß wir nicht sind, wie diese und jene, sondern weil wir uns die Freude am Weibe nicht selbst zerstören wollen.”

“Im Allgemeinen nur sagen wir, daß man von den Menschen nichts Unmögliches, also Unvernünftiges, hoffen darf; es ist uns nicht gestattet, jemand Lasten aufzubürden, die wir selbst mit dem Finger nicht berühren möchten. Unter vielen Uebeln das kleinste zu wählen, ist in sittlicher Beziehung genug, und Aufgabe der Menschen ist, vorwärts zu streben und unablässig auch für das kleinste Uebel wieder Abhilfe zu suchen, sei es auch, daß wir doch wieder nur ein neues, wenn auch kleineres Uebel fänden. Wir können nur sagen, daß einerseits aus religiöser Schwärmerei, die manche alte Männer zu verbreiten suchen, andererseits aus Schamhaftigkeit sich sehr viele Mädchen von der Geschlechtsliebe ganz zurückziehen. Aber es bestehen gerechte Zweifel, ob das selbst für jene, die der Ehe entsagen mußten, sittlich gerechtfertigt ist. Es wird behauptet, daß sie sich dadurch das Leben verkürzen, und die Schwachheit des anderen Geschlechtes, der unvermählten Männer, erheischt ja auch Schonung.”

“Wie ihr bemerken werdet, sind unsere Mädchen und Wittwen gleichweit von Prüderie, wie von Frechheit entfernt, und ist uns eine anmuthige Geschichte aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts überliefert. Ein fremder Prinz, der für Frauenschönheit schwärmte, war in der Hofburg abgestiegen und unser damaliger Kronprinz hörte, daß jener besonders das goldblonde Loreleyhaar vergöttere. Noch am selben Morgen hatte der Kronprinz festgestellt, daß Oesterreich über 150 der schönsten Mädchen mit langen goldblonden Haaren besitze, die im Alter von 15-18 Jahren ständen, und auf seine Einladung waren alle am nächsten Morgen mit ihren Müttern in Wien angekommen. Am Abend, als die Versammlung im großen, weißen Marmorsaale conversirte, wurde die Mitte des Saales geräumt und Hof und Gäste sich im Kreise auf Stühlen niederzulassen eingeladen, worauf sich Feenmusik hören ließ und durch die geöffnete Saalthüre eine Schaar von Elfen in weißer Tracht und Geschmeide tanzenden Schrittes hereinschwebte, mehrmals den Saal langsam umkreiste und wieder verschwand. Die Mädchen kleideten sich sofort um, um heimzufahren. Niemand durfte folgen. Aber man war wie gelähmt davon, zu sehen, daß die jungen Damen, welchen die goldenen Haare frei um den Rücken flatterten, nicht nur die nackten Füße in goldschimmernden Sandalen stecken hatten, sondern daß auch ihr künstlich drapirtes mattweißes Oberkleid, nur auf der rechten Schulter von einer Agraffe festgehalten, die linke Achsel und Brust frei ließ. Der Kronprinz hatte diese Oberkleider, die ja nicht an den Leib zu schneidern waren, mittlerweile anfertigen lassen und Geschmeide und Sandalen gab es von den Bühnen und in der Schatzkammer in Menge. Die jungen Damen und ihre Mütter waren, an dem Vorschlage überrascht, nach kurzem Besinnen darauf eingegangen und so war es gelungen.

Die Kronprinzessin schmollte, der Kaiser zweifelte, ob man nicht zu weit gegangen sei, aber der fremde Prinz erging sich in lebhaften Danksagungen.

Das Reichsblatt berichtete alles getreulich und die Curien der Frauen und Mädchen traten sofort zusammen, um zu berathen, was zu thun sei. Die Frauenzeitung, welche von Frauen redigirt und gedruckt, in gut verschlossenen Couverts verschickt, nur von Frauen und Mädchen gelesen wird und in die noch nie ein Männerauge einen Blick geworfen hat, muß vielerlei Bemerkungen und Anträge enthalten haben, bis nach vierzehn Tagen das Verdict der Frauen und Mädchen Oesterreichs verlautbart wurde. Die Elfen und ihre Mütter wurden von aller Schuld freigesprochen, da sie überrascht worden waren. Gerade auf Betreiben der älteren Frauen wurde auch erkannt, die Schicklichkeit sei doch nicht verletzt und man befürchte keine üblen Folgen, da man strenges Regiment führe und nicht dulden werde, daß dergleichen zu weit gehe. Auch wüßte jedes Mädchen in Oesterreich, Bewerber in gebührende Schranken zu weisen, aber daß dergleichen einem fremden Prinzen zu Ehren geschehen und man glauben könnte, von solchem müsse sich eine Oesterreicherin mehr gefallen lassen, als von ihres gleichen, das habe empört und man beauftragte das Reichstribunat, dem Kronprinzen die Mißbilligung auszusprechen. Es verfügte sich auch der älteste Reichstribun im Auftrage seiner Collegen zum Kronprinzen, der die Mittheilung achtungsvoll anhörte und bat, die Frauen und Mädchen in Kenntniß zu setzen, daß er sich schuldig bekenne und dergleichen nicht wieder thun wolle, aber um die Gunst nachsuche, wieder zu Gnaden aufgenommen zu werden. Das meldete wieder pflichtschuldigst die Reichszeitung und zum Zeichen der Versöhnung wurde beschlossen, der Kronprinzessin ein Spitzentuch zu klöppeln, wie ein schöneres noch niemals zu sehen gewesen.”

“In Anlehnung an jene Scene hat sich für die jährliche Brautschau, wo die Ehecandidaten beider Geschlechter, insgesammt unbewacht, aber gewiß in strenger Zucht und Ehren, verkehren, eine Sitte, oder nennen wir es eine Unsitte, herausgebildet, von welcher man aber Fremden nichts verrathen darf.”

Zwirner schien aber seine Gedanken jetzt nicht bei uns zu haben.

Wir schwiegen und gedachten unserer Liebesabenteuer auf der Reise nach Abbazzia. Denn so ganz unbegnadet verläßt ein Reisender nicht leicht das gastfreie Land, wo jede unschädliche Freiheit Duldung findet. Die Wittwen und die Mädchen mit verschnittenen Haaren verkehren frei mit jungen Männern, ohne aber lästige Zudringlichkeit zu dulden. Es ist auch nicht im geringsten anstößig, wenn sie Fremde oder männliche Genossen auf ihre Stube laden, um mit ihnen ungestört zu plaudern, mit ihnen ein Buch zu lesen, ihnen Stickereien oder Zeichnungen zu zeigen und hört man überall in den Frauencorridoren, viele von ihnen wohnen in ihnen besonders vorbehaltenen Corridoren, schäckern, lachen und plaudern und weiß man auch, daß solchen Besuchen eine Einladung vorausgegangen sein muß, so weiß man doch auch, daß daraus noch nicht das geringste gefolgert werden kann und es sich in der Regel nur um eine Höflichkeit handelt. Es gilt das auch keineswegs schon als eine Aufmunterung und meistens folgt dem leisesten Zeichen von Galanterie, die Wünsche verrathen läßt, auf welche die Schöne nicht eingehen will, eine deutliche, aber nicht unfreundliche Ablehnung. Es bleibt die Antwort aus, das Lächeln macht einem leichten Stirnrunzeln Platz, auch heißt es wohl: “Ergehen wir uns lieber im Garten”, und wird dann die Einladung auf die Stube schwerlich wiederholt. Unter zehnmal mag es aber doch einmal vorkommen, daß man fühlt, man dürfe langsam weiter gehen, und so ist es mir, vielleicht auch Mr. Forest, ja auch einmal ergangen, aber wehe mir, wenn jemand hätte errathen können, wer mir hold gewesen. Ich hätte unfehlbar abreisen müssen; Oesterreicher aber, die nicht schweigen können, werden in Bann gethan und Fluch derjenigen, die einem solchen Gunst erweist. Sie wäre vervehmt.

Ich dürfte nicht einmal verrathen, an welchem Orte mir Heil widerfahren war. Das wäre eine schöne Sache, wenn die Welt erführe, die Frauen in dieser oder jener Gegend seien entgegenkommender, als wo anders. Es sehe jeder, wie er's treibe.

Man fühlt es bald heraus, wo man Hoffnung hat, Gunst zu finden, obgleich die Anzeigen einem Dritten nicht erkennbar sind. Nur die Frauen scheinen sich immer zu verstehen; ihre Wege kreuzen sich nie. Dann aber ist es nicht gestattet, täppisch zuzugreifen. Die kleinste Gunst will erworben und erstritten sein; es entspinnt sich ein Kampf, zu dem sich zwar beide Theile stellen, der aber den Sieg verzögert, oft lange verzögert. Das brennendste Verlangen muß der begehrende Mann zu zähmen wissen, will er der Gunst theilhaft werden, deren sich nur jener erfreut, der weiß, und gesteht, daß er sie nicht verdient und daß sie ihm nur als Geschenk gewährt werden kann. Dieses lang hingehaltene Warten erhöht aber auch das Glück und wir lernen in diesem Lande die käufliche Gunst hassen. Wie kann sich ein Mann so erniedrigen, ein Weib zu umarmen, das, von Allen verachtet, sich selbst verachtet?