“Wir halten eine Gefahr, daß die Union in die Brüche gehen könne, wie weiland der deutsche Bund, für ausgeschlossen, und es ist übrigens auch Vorsorge getroffen, daß das Unionsrecht sich zeitgemäß entwickeln kann. Wir hoffen, daß England bald gezwungen sein wird, der Union beizutreten, und für die allerdings noch ferne Zukunft können wir wohl annehmen, daß ganz Asien für das Collektivprinzip wird gewonnen und dann Europa, Asien und Afrika, welche ja in Wirklichkeit nur einen Continent bilden, zu einem einzigen Staatenbunde werden vereinigt werden.”
Unter diesen Gesprächen war es Nacht geworden und wir gingen im Mondscheine heim, um das Nachtmahl einzunehmen und uns den geselligen Freuden in Tulln hinzugeben. Wir hatten davon, zuviel von anderen Dingen angezogen, bisher wenig kennen gelernt. Es war großes Kinderspiel unter den Linden, woran sich alte Leute gerne als Zuseher betheiligten. In einem Theile des Speisesaales hatte sich das junge Volk für heute die Abhaltung eines Tanzvergnügens ausbedungen und in den kleinen Sälen und Schulzimmern neben dem Bibliothekssaale fanden heute die Schlußberathungen für die Abstimmung über die Anträge auf Aufhebung des Adels und Abschaffung der Monarchie statt, da morgen abends 7 Uhr die Stimmen abgegeben werden sollten. Wir aber gingen auf Anrathen des Dr. Kolb in einen Musiksaal, wo heute Sänger aus Tirol, die eben auf Besuch hier waren, sich hören lassen wollten. Wir hatten hier einen eigenartigen Genuß und haben uns vortrefflich unterhalten. Die Fortsetzung unserer Gespräche wurde aufgeschoben.
XIV.
Heute hatte uns Dr. Kolb warten lassen und als er sich Abends zu uns gesellte, sagte er: “Denkt, wo ich eben war! Ich bin doch eingedrungen in die verzauberte Höhle unserer Freunde, die sich uns ganz hatten entziehen wollen. Zwirner ist unwohl und Frau Lori, welche übertriebene Besorgnisse hatte, ließ mich bitten, zu kommen. Ihr Mann ist auch in der That nicht fieberfrei, wenn es auch nicht viel auf sich hat. — Ich sage euch, die Leute haben's angenehm! Ein reiner Tempel für Liebende und dazu geschaffen, ungetrübtem Liebesglücke als Hintergrund zu dienen. Der Pavillon enthält nur die vier Zimmer, die solche Glückliche brauchen; keine Treppe, keine Küche, nichts, was an die Alltäglichkeiten des Lebens erinnert. Man tritt ins Plauderstübchen, wo Bücher, Statuen und Bilder uns fesseln, dann in ein Speisezimmer für Zwei, weiter führt der Weg in das Schlafzimmer, von da ins Badezimmer und wieder zurück in's Plauderstübchen. Von jedem Fenster hat man ein anderes entzückendes Bild. Das Lusthäuschen ist auf Kosten der Civilliste für den Kaiser gebaut worden, als er noch Kronprinz war und seine Vermählung für die nächsten Jahre erwartet wurde. Die Tage unseres jetzigen Kronprinzen, der ein netter Junge ist, lassen sich auf dasselbe Schlafzimmer zurückführen, in dem jetzt unser ‘armer’ Freund ein paar Tage seines Honigmondes versäumen muß, und ich will mein Bestes thun, ihn herzustellen. Uebrigens möchten wir uns alle krank zu sein wünschen, wenn Lori an unserem Bette säße. Sie weicht, obwohl es offenbar nicht ans Leben geht, nicht von seiner Seite und forderte von mir, ich solle ihr ohne Verzug ihren Mann wiedergeben, ihren Abgott, der Gesundheit vonnöthen habe. ‘Muß das jetzt sein,’ sagte sie, ‘soll mir die Zeit gestohlen werden, in der ich meinen Mann so an mich ketten will, daß er nicht mehr daran denken kann, meine Fesseln zu brechen? Wir armen Frauen müssen leider abnehmen; wenn wir am reichsten sind, geben wir uns dem, der uns liebt und den wir lieben. Einige Wochen gehören wir zwei nur uns an. An diesem Glücke soll uns nichts verkümmert werden, denn bis zum letzten Athemzuge soll dem Manne die Erinnerung eine verblassende Gegenwart ergänzen.’ — Zwirner protestirte und sagte: ‘Holde, ich möchte immer krank sein und mich von Dir pflegen lassen. Es wird mir so wohl, wenn deine thaufrische Hand über meine Stirne streicht, und auch diese Erinnerung wird mich nicht mehr verlassen.’ Lori bedeckte seinen Mund mit Küssen und vergaß, daß ich hier stand und die allerliebsten Erinnerungen nicht mit dem Bilde eines Dritten vermengt werden sollten. Darum versprach ich, etwas zu schicken, wovon alle Stunden ein Löffel zu nehmen sei, sprach die Hoffnung aus, daß das Unwohlsein höchstens noch eine Nacht währen werde, und verschwand unbegleitet von Lori. Das Mittel ließ ich in der Königstettner Apotheke bereiten und beim Arzte, der sich ja auf mich vollkommen verlassen und auf den Besuch beim Kranken verzichten konnte, füllte ich den ärztlichen Bericht aus.
Beim Scheiden aus dem Zwirnerparadies sah ich noch, daß mein Wunsch von den Hochbergs war erfüllt worden. Es hingen zwei Photographieen im Schlafzimmer, die ich, um die jungen Eheleute zu überraschen, hingesandt hatte. Eine Momentphotographie hatte ich aufgenommen von dem Augenblicke, wo Zwirner von Lori den Lorbeerkranz empfängt, und dann war mir die Schelmerei, die doch keinen Anstoß mußte erregt haben, eingefallen, eine Photographie meiner ‘Braut’ die noch niemand gesehen, mitzusenden, und ich glaube bemerkt zu haben, daß, wenn Zwirner ab und zu lächelnd seinen Blick dahin richtete, Lori ein wenig erröthete. Ich bin aber gewiß, daß sie keine Ahnung hat, ich sei der Bildhauer. Ich muß überlegen, ob ich es Lori nicht schulde, meine Statue zu zertrümmern. Ich hoffe sie aber retten zu können, denn Lori wird mir nicht grollen, wenn sie erfährt, daß ich der Bildner sei, da sie wohl nicht denkt, daß sie sich durch Erröthen verrathen habe. Schwört mir auf der Stelle, zu schweigen, wie ein Grab; Oesterreichern dürfte ich nicht erzählen, was ich gesehen und wie es zusammenhängt.”
“Fast bereue ich jetzt, daß ich in jungen Jahren, entflammt von dem Gedanken, mich ganz der Wissenschaft zu widmen, mich nicht wollte durch die Ehe binden lassen. Mir scheint, ich habe mehr verloren, als gewonnen.”
Wir legten gegen diesen unehrlichen Kampf Verwahrung ein. Wir wollten ein unbefangenes Urtheil über den Staat und die Gesellschaft fällen und wollten uns nicht verwirren lassen durch Erzählungen von Dingen, die wir nicht sehen können. Mr. Forest fügte auch bei, da sei nichts von Gleichheit zu bemerken, wenn Begünstigte ihr eigenes Häuschen für den Spielmonat der Ehe hätten. Aber Dr. Kolb sagte, daß der Pavillon seit den Tagen der jungen Ehe des gegenwärtigen Kaisers schon oft jungen Eheleuten zum Aufenthalte gedient habe, denn der Kaiser halte diese Räume nicht für entweiht, wenn auch andere dort glücklich sind. Und es gebe übrigens überall solche Plätzchen, da die Mehrzahl der Neuvermählten diese poetische Zurückgezogenheit der lärmenden Hochzeitsreise vorzöge, wozu auch Gelegenheit geboten sei, wenn die jungen Eheleute lieber reisen wollten. Geradezu barbarisch wäre es, wenn man die junge Frau am Morgen nach ihrer Vermählung in das Treiben einer communistischen Gemeinde stürzen wollte, wenn sich auch niemand würde beikommen lassen, sie mit einem banalen Scherze zu necken. Von den 100 Bräuten, die sich neulich vermählt, hätte sich gewiß keine zu beklagen, und wollte man Gleichheit in dem Sinne fordern, wie sie die Gegner des Collectivismus schildern, so wäre die Welt allerdings recht armselig. Im Gegentheil sei der Communismus die Quelle des Reichthumes und gerade darum, weil jede Sache allen dient, während nach der alten Gesellschaftsordnung dieser Pavillon für immer wäre abgesperrt worden.