Er sprang auf und rief: “Nun muß ich aber zur Volksabstimmung. Kommt mit!”

Die Abstimmung bereitete sich schon vor. Anzeichen einer großen Bewegung gingen durch die Bevölkerung. Alle Spaziergänger kamen heim, die Badenden stiegen aus dem Wasser, die Kinder wurden unter die Obhut der Mädchen gestellt, welche noch nicht volle achtzehn Jahre alt waren und daher noch kein Stimmrecht besaßen, auf welche man sich aber vollkommen verlassen konnte; auch aus den Ställen und Wirtschaftsräumen und den Krankenstuben kam alles hervor, was stimmberechtigt war, und auch Kranke, die sich weiter schleppen konnten, und Reconvalescenten kamen in den Bibliothekssaal und wurden theilweise hereingetragen, denn niemand soll sich der Abstimmung enthalten. Da wir Fremde waren und in Oesterreich nicht stimmen durften, erhielten wir im Bibliothekssaale als Zuseher und Zeugen einen abgesonderten Platz angewiesen, die Tiroler aber und einige andere Gäste aus Polen und Ungarn sonderten sich auch ab, weil ihre Stimmen besonders gezählt werden mußten. Am Telephon nahmen zwei alte Herren Platz und der Beamte mit dem Tribun bestieg eine erhöhte Bühne, von wo aus er den ersten Antrag und dann den zweiten laut vorlas. Als die Uhr, welche nicht nur die Ortszeit, sondern auch eine gesetzlich festgesetzte mittlere Reichszeit anzeigte, auf 7 Uhr Reichszeit stand, forderte der Beamte die stimmberechtigten Einwohner auf, zunächst über den Antrag Eins abzustimmen, und sollten die “für” nach rechts, die “dagegen” nach links sich aufstellen. Es wurde nun von den beiden Beamten genau ausgezählt und zugleich zählten zwei Vertrauensmänner von einem erhöhten Standpunkte aus die Stimmen ab und traten dann alle vier Stimmenzähler mit den schriftlichen Notizen zusammen und verkündeten einstimmig, daß 810 “Nein” und 198 “Ja” gezählt worden seien, und erklärten sie ferners, daß die beiden Beamten und einer der Vertrauensmänner mit “Nein”, der zweite Vertrauensmann mit “Ja” gestimmt hätten, daher 813 “Nein” und 199 “Ja” abgegeben worden seien. In Tulln schwankte nämlich die Zahl der Stimmberechtigten zwischen 1000 und 1100, weil es als Bezirksvorort eine Einwohnerschaft von nahezu 1500 Köpfen hatte. Dann wurde ebenso die Stimmenabgabe für die zweite Frage eingeleitet.

Nun stimmten die Fremden nach Provinzen und dann wurden die Vertrauensmänner mit den beiden Beamten abgeordnet, die Stimmen im Krankensaale abzunehmen, wodurch noch 13 beziehungsweise 10 verneinende und 8 beziehungsweise 11 bejahende Stimmen ermittelt wurden. Das Totale für Antrag Eins war also 826 zu 207, für Antrag Zwei aber 801 zu 232.

Vor allen Zeugen postirten sich nun der Bezirksbeamte und der Bezirkstribun, welche ihre Stimmen als Ortsinsassen abgegeben hatten, an das Telephon, wo auch die beiden Alten Platz genommen hatten. Jeder dieser vier Männer ergriff nun ein Hörrohr und erwarteten sie die Nachrichten. Zuerst lief Langenlebarn mit 425 “Nein” und 205 “Ja” für Frage Eins ein, dann die Zahlen für Antrag Zwei, immer auch mit besonderer Angabe der Abstimmung der Fremden, und so von Tulbing, Königstetten, dann St. Andrä und so weiter. Nun wurden noch die Abstimmungen von Tulln überallhin zurückgerufen, und es ging dann ein längeres Hin- und Herverbinden der Leitungen zwischen den einzelnen Orten an, wo man sich direct über die Abstimmung erkundigte, bis schließlich jeder Ort des Bezirkes wußte, wie in jedem anderen Orte das Stimmenverhältniß gewesen, und dann rechnete jede Gemeinde für sich. Der Beamte verkündete das Stimmenresultat mit 8350, beziehungsweise 9010 “Nein” und 4110, beziehungsweise 3450 “Ja” und machte die verhältnißmäßig hohe Ziffer der Minoritätsvoten Sensation, da man glaubte, die Anhänger der Anträge würden eine viel größere Niederlage erleiden. Auch die anderen Ortschaften hatten das Ergebniß der Abstimmung im Bezirke genau übereinstimmend angegeben und war also kein Zweifel über die richtige Stimmenzählung. Das Ergebniß wurde sofort nach St. Pölten gemeldet. Man schritt zur Abfassung der Protocolle, die laut verlesen, genehmigt und von dem Beamten und Tribun unterschrieben wurden. Das Protocoll für den Bezirk fertigten der Bezirksbeamte und der Bezirkstribun.

Nun plauderte man eine Weile und verharrte in einer etwas erwartungsvollen Stimmung. Viele hatten mittlerweile das Abendbrot zu sich genommen, als ein Zeichen vom Telephon erscholl und jedermann wieder in den Saal gerufen wurde. Es lief jetzt um neun Uhr die Meldung über das Abstimmungsverhältniß im Kreise ein, und um halb zehn Uhr erfuhr man, wie die Provinz, um zehn Uhr, wie das Reich abgestimmt hatte. Alle Nachrichten wurden in Gegenwart aller Anwesenden laut an die Gemeinden des Bezirkes weiter bekannt gegeben.

Allgemeine Befriedigung wurde laut, als man hörte, daß nur etwa ein Fünftel für Abschaffung des Adels und ein Zwölftel für Aufhebung der Monarchie stimmten und es bestand offenbar im Bezirke eine etwas größere Verstimmung gegen Adel und Monarchie, als anderwärts.

Nun trat Dr. Kolb zu uns und sagte, daß jetzt in allen Kreis- und Provinzstädten besondere Zeitungsblätter gedruckt würden und daß wir am nächsten Morgen um 7 Uhr unfehlbar im Kreisblatte, Provinzialblatte und Reichsblatte den genauen Abstimmungsbericht, wie auch die Statistik derjenigen finden würden, die an fremden Orten gestimmt oder sich der Abstimmung enthalten hätten oder gar zur Abstimmung nicht erschienen seien. So fanden wir es dann auch am anderen Morgen und es stimmten alle gedruckten Daten untereinander ganz genau überein; man hatte sich nirgends verzählt. So war auch genau ersichtlich, wie viele Bürger in jeder Provinz ortsabwesend und wie viele fremd waren, und verglich man alle Ziffern, so fand man genau, daß alle Ortsabwesenden in irgend einer anderen Provinz gestimmt hatten.

Kolb sagte, nirgends wären die Bürger so gewissenhaft, als in Oesterreich, und es gab, abgesehen von etwa 45 000 Oesterreichern, die im Auslande reisten, nur 3 110 Stimmenenthaltungen, während der abgegebenen Stimmen 22 846 010 waren.

Es interessirte meinen Freund, Mr. Forest, das Publicationswesen und da er wußte, daß auch eine Fremdenstatistik publicirt werde und in Tulln, als dem Bezirksorte, alle Kreisblätter aufliegen, nahm er die Nummern vom Juli und zeigte er mir dann ganz befriedigt, daß am 13. Juli 2020 im Bezirke Salzburg, am 14. und 15. im Bezirke Tulln &c. und überall, wo wir die Nacht zubrachten, zwei Amerikaner notirt seien, nur in Wien waren wir mehrere hundert Amerikaner und in Gloggnitz, wohin das Semmeringhotel gerechnet wird, waren unser fünf, und an einigen größeren Orten war eine größere Anzahl verzeichnet. Auch der Chinese war da, auf den wir zweimal gestoßen, und mit der Gesammtzahl der überall ausgewiesenen Fremden stimmte wieder der Gesammtausweis der Einbruchstationen, welche täglich die ankommenden und abreisenden Ausländer anzeigen und mit Hinzurechnung der Ziffer vom Vortage die Gesammtzahl der in Oesterreich reisenden Fremden angeben. Ebenso weiß man genau, wie viele Oesterreicher im Auslande reisen.

Wir blätterten nun in den Zeitungen der Monate Juni und Juli und zwar sowohl in mehreren Kreisblättern, als auch in den Provinzblättern und der Reichszeitung, und fanden überall die heute entschiedenen Fragen erörtert. Jedes solche Blatt besteht aus zwei gesonderten Abtheilungen, der Abtheilung der Staatsverwaltung und der Abtheilung des Volkstribunates, und steht die Redaction dieser Abtheilungen dem Staatsbeamten beziehungsweise dem Tribun für den betreffenden Amtsbezirk zu. Das Tribunat veröffentlicht nicht nur seine eigene Anschauung über schwebende Anträge, sondern es berichtet auch über Probeabstimmungen der Gemeinden, faßt die Berichte der untergeordneten Tribunen zusammen, erwägt Argumente für und wider und ist verpflichtet, auch die Einsendungen Einzelner wenigstens so zu erwähnen, daß neue Argumente und Gesichtspuncte nicht ganz verloren gehen. Insoweit es sich um statistische Daten und andere Beobachtungen handelt, unterläßt es kein Theil, etwa irrige Anführungen des Gegners richtig zu stellen, und ist auch eine solche Richtigstellung oft noch in derselben Nummer zu finden. Bei sehr wichtigen Anträgen werden auch Reden, welche öffentlich gehalten wurden, ganz abgedruckt, wenn es das Tribunat oder die Staatsverwaltung zweckmäßig findet.