XV.
In später Nacht nach jener Volksabstimmung saßen wir noch lange auf, um mit Dr. Kolb zu plaudern, denn am nächsten Morgen, Sonntag, den 2. August 2020, wollten wir Tulln verlassen und nach Tirol reisen. Es wäre zwar schon Sonntag Abends unsere vorausbezahlte Reisefrist abgelaufen, aber wir hatten, da wir doch einiges im Salzburgischen und in Tirol sehen wollten, unsere Reise um fünf Tage verlängert. Da wir auch für 3000 Mark Geschenke, darunter eine herrliche Statue von Dr. Kolb, in Bronce gegossen, bestellt hatten, die wohl schon schwimmen mochten, so war bei der Verwaltung in Salzburg auf unser dort deponirtes Guthaben von 9000 Mark dieser Betrag von 3000 Mark und ebenso das Reisegeld für fünf Tage von 250 Mark angewiesen und veranlaßt worden, daß wir unser Restconto von 5750 Mark in Bregenz, wo wir Oesterreich verlassen wollten, in Baarem oder einem Wechsel der österreichischen Staatsverwaltung sollten beheben können.
Die Einkäufe hatten wir im Prater gemacht, wo die Rotunde zu einer großen Waarenhalle war umgestaltet worden. Für Einheimische und die europäischen Staaten war dort keine Verkaufsstelle, wohl aber konnten Fremde aus Staaten, in welchen noch Geldwirthschaft bestand, dort Einkäufe machen. Nach den dort aufgegebenen Bestellungen wurden dann die Aufträge wie von einem Kaufmann ausgeführt, nachdem vorher Zahlung war geleistet worden. Oesterreich handelte damals, wie alle europäischen Staaten, in Mark Gold und die auf diese Art einlaufenden Beträge, welche alljährlich etwa 500 Millionen Mark ausmachten, wurden theils zum Ankaufe von Waaren in Amerika, China, Japan und auf englischen Gebieten verwendet, theils bestritt man davon jene Reisen in solchen Ländern, welche Oesterreicher mit staatlicher Bewilligung dorthin unternahmen. — Diese Reisen wurden meistens Technikern, Künstlern und Gelehrten ermöglicht, es hatten aber besonders verdienstvolle Männer, Erfinder, hohe Staatsbeamte und solche, die es im Tribunat mindestens zum Range eines Provinztribunen gebracht und in dieser Stellung drei Jahre ohne Vorwurf gedient hatten, Anspruch auf Reisegelder in bestimmter Höhe. Der der Staatsverwaltung für diese Zwecke ausgeworfene Credit wurde vom Volke bewilligt und wurden dabei die erfahrungsmäßigen Baareinnahmen, die Menge der Produkte, welche nach dem Auslande waren verkauft worden, der Bedarf an Waaren, die von dort bezogen werden mußten, und anderes in Betracht gezogen. Es wurde da immer ein gewisser Credit für eine Reihe von Jahren ausgeworfen, denn die alljährlichen Abstimmungen über solche Angelegenheiten schienen zu lästig und man verließ sich nicht nur auf die Tribunen, die ja in Fällen von Mißbrauch hätten Abstimmungen veranlassen können, sondern man hielt darauf, daß die Abrechnungen über Baareinnahmen und Baarausgaben allwöchentlich veröffentlicht und ausgewiesen wurde, wozu die Einnahmen verwendet wurden. Auch die Civilliste konnte ihren Antheil am Jahresprodukte innerhalb gewisser Grenzen nach dem Auslande verkaufen und entweder Waaren dafür beziehen oder Auslandsreisen davon bestreiten. Was aber letztere Aufwendung betraf, so mußte ausgewiesen werden, daß ein gewisser Betrag nicht überschritten wurde. Reisen im Unionsgebiete wurden von der Civilliste der einzelnen Länder reciproc zugestanden und der Aufwand wechselweise ausgeglichen oder richtiger, wechselseitige Gastfreundschaft geübt.
Nun wollten wir doch ein wenig nüchtern wie Kaufleute rechnen und prüfen, ob wir billig daraus gekommen wären. Mr. Forest berechnete, was uns unsere Reise in Amerika würde gekostet haben. Er bekannte, daß wir mehr als die Hälfte von dem, was wir in Oesterreich genossen, dort gar nicht würden haben finden können, das Uebrige aber berechnete er für zwei Personen, die Waaren eingeschlossen, auf 2560 Dollars oder 10746 Mk. 97 Pf., so daß uns 6496 Mk. 97 Pf. Profit erwachsen waren.
Dr. Kolb meinte, daß das eine natürliche Folge des Principes sei, nicht durch Kauf und Verkauf zu vertheilen, sondern alles direkt dem Verbrauche und Genusse zuzuführen, wodurch eine viel vollständigere Ausnützung erzielt wird und Handlungskosten erspart werden. Uebrigens sei der Oesterreicher auch gastfreundlich, er habe nichts dagegen, dem Fremden mehr zu bieten, als dieser bezahlt, da man der Meinung sei, daß der Verkehr mit Ausländern an und für sich ein Gewinn sei. Er rege den Geist an, entwickle neue Ideen und es sei auch nicht ohne Nutzen, sich im Auslande Freunde zu machen. Zudem sei der Oesterreicher mit jenen Genüssen übersättigt, die den Ausländer oft entzücken, und da nicht nur die Berufsmenschen für Zerstreuung und Unterhaltung in immer wechselnden Formen sorgen, sondern jeder, der nur die erforderliche Gabe besitzt, das seinige zur Unterhaltung beitrage, so gebe es in Oesterreich vieles, was das Volk nichts koste, im Auslande aber mit theuerem Gelde bezahlt werden müßte. Der hohe Bildungsgrad, der in Oesterreich erreicht wurde, sei die Ursache, daß man sich in diesem Lande gar nicht langweilen könne. Jeder Oesterreicher reise 14 Tage mindestens im Jahre, da man alle Feiertage abgeschafft und dafür jedem das Recht eingeräumt habe, jährlich einen 14tägigen Urlaub anzusprechen. In dieser Zeit stehe ihm das Reisen in Oesterreich frei, wenn auch der Aufenthalt in den Städten beschränkt sei. Aber es sei schon von Interesse, in anderen Provinzen sich umzusehen, andere Gewerbe, Verfahrungsweisen, Spiele und Kunstfertigkeiten kennen zu lernen. Nun kommen die Urlauber aus allen Theilen des Reiches zurück, befruchtet mit neuen Eindrücken und Erfahrungen, was den Erfindungsgeist belebe und dazu führe, daß die mannigfaltigsten Unterhaltungen und Spiele heimgebracht und wieder neues und originelles ausgeheckt werde.
Nun baten wir unseren Freund, uns noch näher zu erklären, weshalb die Monarchie und der Adel bei den veränderten Bedingungen, besonders nachdem es eigentlich keine internationale Politik mehr gebe, doch noch eine Existenzberechtigung hätten, und er sagte, das wolle er uns begreiflich machen. Dr. Kolb hub an: “Ich werde euch die Aufgaben der Monarchie und des Adels in unserem Lande klar machen und dabei auch meine Eigenart und was ich für meinen, erst im höheren Alter freiwillig gewählten Beruf halte, erläutern.
Monarchie und Adel sind bei uns erblich, sie sind ein Restchen aus der alten Zeit des Classenstaates, aber es sei mir erlaubt, für deren Erhaltung doch auch eine Rechtfertigung vorzubringen. Die Aufgabe des Monarchen ist zwar zum Theile auch eine praktische, der Monarch hat die wirthschaftlichen Angelegenheiten des Reiches unter Mitwirkung verantwortlicher Beamten in höchster Instanz zu leiten, auch dort, wo es sich um Ersätze von Provinz zu Provinz oder um Differenzen zwischen Nationalitäten handelt, die oberst richterliche Entscheidung zu fällen. Aber die Hauptfunction des Monarchen und die Aufgabe des Adels ist die Pflege der höchsten idealen Interessen des Volkes. Obwohl, wie wir recht gut wissen, auch die idealen Güter ihre Rückwirkung auf die ökonomische Welt haben und sie immer Ansprüche an die ökonomischen Güter machen oder materiellen Aufwand verursachen, so ist doch die ästhetische Seite des Menschenlebens dem materiellen Leben gewissermaßen entgegengesetzt; sie ist scheinbar immateriell, weil das Materielle im Verhältnisse zum Werthe, die diese Güter für den Menschen haben, unscheinbar und der materielle Nutzen des Aesthetischen nicht in die Augen springend ist. Gewiß concipirt der Dichter sein Gedicht ohne Zuhilfenahme von Materie, ausgenommen insofern das zum Denken und geistigen Schaffen unentbehrliche Organ, sein Gehirn, materiell ist. Will er das Gedicht aber verbreiten, so braucht er Feder, Papier und Tinte, dann Druckerschwärze und Arbeitskräfte, deren Erhaltung wieder materielle Mittel voraussetzt und so findet sich, daß die Kunst, will sie auf andere wirken, auch der Zufuhr materieller Hilfsmittel bedarf. Dagegen kann man nicht sagen, daß sie nicht auch an die materielle Welt das wieder reichlich zurückgibt, was diese ihr zuwendet. Genießen Millionen das, was der Dichter schafft, so belebt das wieder die Lebensfreudigkeit jener Bevölkerung, die in der materiellen Güterproduction wirken muß; die Kunst selbst kann zum Schaffen anspornen, sie zeigt, wie selbst das Handwerk durch die Kunst geadelt wird, wie das z. B. im Liede von der Glocke zum Ausdrucke kommt; sie weist auf den Verband hin, der unter allen Thätigkeiten der verschiedensten Menschen besteht, und, da die Leute, die mit der Hand schaffen, durch die Kunst auch wieder zu edleren Genüssen hingeleitet werden, so kommt sie der Oekonomie insofern zustatten, als sie von jenen gröberen Genüssen ablenkt, welche oft die Menschen erschlaffen machen, unter allen Umständen aber zur Vergeudung materieller Güter führen. Bei den Wissenschaften ist der Verband zwischen der idealen Production und der ökonomischen Welt deutlicher, bei der Kunst ist dieser Zusammenhang beinahe unmerklich und man spricht von rein idealen Gütern, obschon das auf einem Irrthume beruht; denn frei von Materie kann nichts gedacht werden. Immerhin nun ist die ästhetische Seite des menschlichen Lebens das, was am wenigsten Ansprüche an die Materie stellt und doch in der ökonomischen Welt mächtig mitwirkt und die Menschen lehrt, sich die materiellen Güter auf die zweckmäßigste Weise zu Nutzen zu machen. An meinen Statuen erfreuen sich Millionen und ich werde bald sagen können, daß es keinen Oesterreicher giebt, dem ich nicht mit meiner Kunst einige kostbare Augenblicke freudigen Genusses verschafft habe. Und gewiß ist mein Lohn größer, der darin besteht, daß ich kein Dorf in Oesterreich wüsste, wo ich nicht gefeiert würde, wenn ich meinen Fuß hinsetze, als der eines Künstlers der früheren Welt, der mit Kunsthändlern zu schachern, mit Kritikern zu verhandeln hatte, den dann ein reicher Mann mit Geld abfertigte und der oft in recht gemeiner Weise das Geld wieder anzubringen bedacht war. Meine Kunst gehört aller Welt, dafür erobere ich mir aber auch damit die ganze Welt, denn als anerkannter Künstler bin ich überall geehrt, ich reise wohin ich will, ich bin in Madrid ebenso willkommen, wie in Irkutsk, und will ich fremde Welttheile durchstreifen, so wird mir mein Vaterland die Mittel verschwenderisch anweisen, denn ich habe mit meiner Kunst vorausgezahlt und man weiß daß der Künstler schaffen muß, daß ihn sein Genius treibt und daß sich alles, was ich auf Erden sehe, wieder in Statuen umsetzen und dem Vaterlande wieder Gewinn bringen wird. Daß ich diesem Vaterlande nicht untreu werde, das bezweifelt niemand, und da die europäischen Staaten im engsten Verbande stehen, würde auch, was ich den Spaniern oder Schweden schenke, für mein Oesterreich nicht verloren sein. Der Ruhm bleibt aber doch den Meinen, denn nie wird man vergessen können, daß ich hier geboren und hier zum Künstler wurde, und wie ich längst in der Chronik von Tulbing verzeichnet stehe, wo meine Wiege stand, und in der Chronik von St. Pölten, wo ich dauernd als Kreisarzt wirkte, wird mich auch die Geschichte von Tulln erwähnen, wo ich vieler Freunde und eines Bruders wegen, der hier in Arbeit steht, seit drei Jahren am meisten weile und auch am meisten geschaffen habe.”