Das alles haben wir, wenn nicht vollendet, doch vorbereitet und ich als Künstler gebe meinen Segen dazu; auch die menschliche Gesellschaft ringt nach jenen idealen Formen des Gleichgewichtes und der vollendeten Harmonie, nach denen jeder Künstler auf seinem Gebiete strebt. Ich in meinen gemeiselten Liedern vom schönsten Weibe, das, um schön zu sein, in allen Theilen jene herrliche Ebenmäßigkeit zeigen muß, die doch auch überall wieder, wenn wir es nüchtern betrachten, nur der Ausdruck für die größte Zweckmäßigkeit ist.
So nun ist die ganze Welt materiell und die ganze Welt, anders betrachtet, ideal. Kein Gebilde ohne Materie, keine Materie, die nicht in einem Gebilde gefangen säße. Allein unsere Arbeitstheilung bringt es mit sich, daß vielen auf dem Gebiete des Idealen das Schaffen, allen aber auf diesem Gebiete das Genießen und Empfangen zufällt.
Die Monarchie und der Adel nun sollen vorzüglich das Aesthetische im Leben nach ihrem Vermögen im Gange erhalten und insbesondere in den geselligen Formen zur möglichsten Vollendung bringen. Sie sind gewissermaßen von Geburt dazu berufen, dem Volke als Festordner zu dienen, zu jenen schönen Formen des Verkehres unter den Menschen anzuleiten, die zur Tradition werden müssen, die aber niemals zur Geltung gelangen, wo nicht ein edles Gleichheitsgefühl sich Bahn gebrochen hat. Die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, wie sie Freund Zwirner, von dem ich vieles lernte, bereits ganz festgestellt hat, zeigt uns, wie die Monarchie sich damals verwandelte. — Zu Ende des achtzehnten Jahrhundertes waren der König von Frankreich und die Königin aus dem Hause der Habsburger auf dem Schaffotte hingerichtet worden. Ein armer Lieutenant erklomm in wenigen Jahren den Thron von Frankreich und wurde der mächtigste Monarch, vor dem die Fürsten zitterten und dessen Wagen gewissermaßen deutsche Fürsten nachliefen wie Schuljungen. Es gab da etwas zu lernen. Dieser Kaiser konnte nicht mit seiner Umgebung verkehren, wie ein Monarch alten Schlages. Als er einmal seinem Secretär Bourienne läutete, erklärte dieser, man könne ihm nicht wie einem Lakaien klingeln, und der Titan mußte die Zurechtweisung sich gefallen lassen. Die Monarchen wurden höflich. Während der König von Spanien noch im 18. Jahrhunderte, wenn seine Höflinge vor ihm kniebeugend defilirten, auf dem Throne saß, die Nase zum Himmel gereckt, um dieses Gewürm nicht zu sehen, verheirathete sich Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine deutsche Prinzessin mit einem Arzte, der dritte deutsche Kaiser redete seine Garden mit den Worten: ‘Guten Morgen, Kameraden!’ an und ließ sich die Antwort gefallen: ‘Guten Morgen, Majestät!’ und man veränderte die Formen des Verkehrs sichtlich nach der Richtung, die einen völligen Umschwung im socialen Leben vorbereitete. Zwirner fand in einem Bande der ‘Neuen freien Presse’ aus dem Jahre 1890 einen Bericht, den ich euch hier vorlese:
‘Die englischen Zeitungen berichten eine Anzahl hübscher Züge aus dem Leben des kürzlich verstorbenen Cardinals Newman, dessen Leiche morgen Dienstag den 19. d. M. in Birmingham feierlich beigesetzt werden wird. Binnen kurzem sollen seine Briefe veröffentlicht werden. — Interessant ist seine in den Ansprachen an die Katholiken von Dublin abgegebene Definition eines Gentleman.’
‘Ein Gentleman, sagte Cardinal Newman, ist einer, welcher niemandem einen Schmerz verursacht. Der wahre Gentleman vermeidet alles, was seiner Umgebung mißliebig sein oder was auch nur einen Mißton hervorbringen könnte. Er weiß es so einzurichten, daß die Meinungen nicht aufeinanderplatzen, die Gefühle nicht verletzt werden, kein Verdacht ausgesprochen wird, daß kein Gegenstand berührt wird, der bei dem einen oder dem anderen Trauer oder verletztes Ehrgefühl wachrufen könnte. Er hat das Auge auf jeden einzelnen gerichtet, er ist zärtlich mit den Schüchternen, mitleidvoll gegen die Lächerlichen, er weiß sich immer zu erinnern, mit wem er spricht, über den Dienst, den er jemandem erweist, kommt er leicht hinweg, von sich spricht er nur, wenn er dazu gezwungen wird. Die Erfahrung hat ihn gelehrt, sich so gegen einen Feind zu benehmen, als sollte er dereinst sein Freund werden. Er muß nicht immer richtige Ansichten haben, aber ungerecht ist er nie. Auch wenn er selbst ungläubig ist, wird er den Glauben anderer weder verhöhnen, noch bekämpfen. Er wird alle Religionen toleriren, nicht nur, weil ihn die Philosophie Unparteilichkeit gelehrt hat, sondern auch, weil er das milde, beinahe weibliche Gefühl besitzt, welches eine der schönsten Errungenschaften der Cultur ist.’
Da uns diese Skizze vorgelesen wurde, gedachte ich des Kaisers Rudolf in Lacroma. Der erste Gentleman in Oesterreich war dieser Fürst. Wie erhob er alle zu sich, wie lehrte er alle unbemerkt Unschickliches vermeiden, wie wußte er den gewagten Versuch, zu dem sich Anselma verleiten ließ, vor übler Nachrede sicherzustellen, und wie blieb er, nur noch primus inter pares, so ganz Kaiser.”
Dr. Kolb fuhr nun fort: “Diese Formen nun hatte der bessere Theil der Aristokratie im neunzehnten Jahrhunderte angenommen und so hatte sich die herrschsüchtigste und roheste Kaste in ein Element der Versöhnlichkeit verwandelt, und der Aristokrat von wirklich guter Erziehung war im socialen Leben gewiß von Nutzen. Freilich haben diese Leute oft das, was sie im Stillen doch nur für Herablassung halten mochten, dahin aufgefaßt, der Aristokrat müsse sich mit den Gemeinen gemein machen, und sie suchten nicht das auf, worin der Mensch dem Menschen gleicht, das Recht und die Würde, die ihm die Natur mitgibt, sondern die Degradation, die zwar dem Einzelnen nicht anzurechnen, die ein Erzeugniß der herrschenden Mißstände ist, der gegenüber man duldsam sein muß, an der man aber darum nicht Antheil nehmen darf. Es gab hohe Aristokraten überall, welche die gemeinsten Dirnen zu sich riefen und dem Bänkelsänger um der Rohheit wegen Gehör schenkten, die ihr Gefallen erweckte. Von dieser Versunkenheit mußte der Adel wieder gereinigt, darüber aufgeklärt werden, daß er zu dienen hat, wie jeder andere Stand, aber es wurde auch anerkannt, daß er im Vereine mit der Dynastie eine bevorzugte und erbliche Stellung einnehmen könne, wenn er sich vom wirthschaftlichen Getriebe und von der Ausbeutung des arbeitenden Volkes ganz frei macht, sich auf vom Volke ausgeworfene Mittel beschränkt und selbe nicht für eine exclusive, volksfeindliche Gesellschaft, sondern im Interesse des gesammten Volkes verausgabt, und zwar wesentlich in dem Sinne, daß die Kunst und die Geselligkeit in ihrer edelsten Form gepflegt werden. Man findet, daß zum mindesten die Pflege einer verfeinerten Geselligkeit und die Veranstaltung von Festen im großen Style am besten solchen Menschen anvertraut werden kann, welche, von Jugend auf dazu bestimmt und erzogen, eine gewisse Tradition dafür mitbringen und auch in ihrer äußeren Erscheinung einen gewissen Adel ausgeprägt zeigen. Das hat es möglich gemacht, daß wir Adel und Monarchie beibehalten konnten, und wir haben uns so zusammengewöhnt, daß wir nicht glauben, es werde je ein Antrag auf Abschaffung der Monarchie oder des Adels die erforderliche Stimmenzahl finden. Uebrigens ist die Zahl der adeligen Familien klein und daß man dem Monarchen und dem Adel die richtige Stellung anwies und ihnen im Gesammtleben des Volkes einen Platz vorbehalten konnte, erleichterte den Sieg der neuen Ideen. Denn zur Zeit der Geburtswehen, die diesem Umschwunge vorhergingen, hatte der alte Adel seinen Glanz und Reichthum neben einer täglich wachsenden plebejischen Plutokratie kaum mehr behaupten können und nur durch den Uebergang in das Lager der Reformer konnten die Aristokraten diesem Aufwuchern neben sich Einhalt gebieten und wieder zu einer bevorzugten Stellung gelangen. Uebrigens ist es ein verfassungsmäßiger Grundsatz, daß die Töchter der adeligen Geschlechter sich nicht innerhalb dieser nicht zahlreichen Familien vermählen, und daß diese daher sich immer frisches Blut aus dem Volke holen. Auch findet eine Art von Auslese innerhalb der männlichen Glieder dieser Häuser insofern statt, als mißgebildete Söhne den Adel nicht fortpflanzen.”
Wir waren mit diesen Erklärungen ziemlich zufriedengestellt, wenn auch ein Amerikaner von Monarchie und Adel nichts wissen will, und wir erkundigten uns, wie man es in Oesterreich mit Schwachen, Kranken und Krüppeln halte.
“Habt ihr nicht in der Schuhmacherwerkstätte jenen verstümmelten Mann gesehen,” sagte Dr. Kolb, “der auf einem eigens für ihn gebauten Stuhle sitzt und eine Nähmaschine bedient, die durch den Motor betrieben wird? Denn beide Beine sind ihm hoch über den Knieen von einer Maschine weggerissen worden. Er arbeitet genau und unermüdlich und stellt seinen Mann, er sagt, er wolle seine Zeche selbst bestreiten. Unmerklich kommt ihm alles heran, was er braucht und die fertige Arbeit verschwindet, denn andere thun für ihn, was er nicht selbst besorgen kann, weil er keine Beine hat. Ehe er sich's versieht, hat ihn jemand auf die Schulter genommen, wenn es zur Arbeit oder zur Mahlzeit geht. Immer ist jemand in der Nähe wachsam, seine Wünsche zu errathen oder ihm, was er nöthig hat, zu besorgen, und so geht's zu Tische und dann im Rollstuhle wohin es ihn gelüstet. Man setzt ihn in seinen eigenen Schwimmsattel, wenn er baden geht. Doch ist er niemand zur Last, denn tausend Arme und Hände sind's, die ihm dienen. Man liest ihm von den Augen ab, was er will, und man weiß, daß er immer dabei zu sein verlangt, wenn die Mädels und Burschen tanzen, denn er sagt, er habe sich so in die anderen hineindenken gelernt, daß er meine, er selber tanze wie toll, wenn es sich im Wirbel um ihn dreht.”